Six Feet Under

Autopsie unseres Umgangs mit Toten
22. Sep 2007 - 03. Mär 2008

Eine Ausstellung des Kunstmuseums Bern

Einführung

Der Tod ist ein universelles und uraltes Thema der Kunst. Die Geschichte des Bildes ist eng mit der Idee des Festhaltens der Gesichtszüge Verstorbener verknüpft. So gelten die Furcht vor dem Tod und die Lust am Sehen und Erkennen als wichtige Triebfedern menschlicher Kultur.

 

In der zeitgenössischen Kunst zeichnen sich zwei Extreme ab: Entweder wird das Ritual, das von der Religion an professionelle Dienstleistungserbringer oder an die Medien abgegeben wurde, von der Kunst zurückerobert und mit ihren Mitteln neu inszeniert und ausgebaut, oder die Künstler bringen die unerwünschte Leiche wieder in unser Blickfeld zurück und führen auf oft sehr direkte Art vor, dass die physische Existenz nach dem Tod weitergeht.

 

Six Feet Under vereinte Arbeiten, die teilweise speziell für die Ausstellung geschaffen wurden, mit Werken aus der Sammlung des Kunstmuseums Bern, aus anderen Museen und Galerien sowie aus privaten Sammlungen. Das Hauptgewicht lag auf zeitgenössischer Kunst aus verschiedenen Kontinenten, aus Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, USA, Mexiko, Japan, Indonesien oder Ghana. Die Ausstellung stellte so historische und geografische Verknüpfungen zu einem Thema her, das uns alle betrifft.

Abteilungen

1. Leichen, Totenköpfe und Skelette

Jede Zeit und jede Kultur hat sich ihr Bild vom Tod gemacht und es durch künstlerische Darstellungen überliefert. Ausgehend von den mittelalterlichen Totentänzen haben Skelette und Schädel als Personifikationen des Todes und als Memento mori in die Kunst Einzug gehalten und sich als Motive – meist ohne ihr christliches Bezugssystem – bis heute behauptet. Ebenso war das Bild des menschlichen Leichnams lange Zeit der Darstellung des toten Christus oder der Grabmalskunst vorbehalten. Dieses hatte nur in Ausnahmen, etwa anatomischen Wiedergaben, Eingang in die Kunst gefunden. Ein radikaler Tabubruch vollzieht sich in der Gegenwart. Hier werfen die Künstler mit ihren sehr individuellen Ansätzen ein neues Licht auf das Todesthema.

 

Miquel Barceló (*1957, ESP) Pinocchio mort, 1998 Bronze, patiniert und Blattgold Sammlung Antoinette Caratsch, Zürich

Die Künstlerinnen und Künstler haben sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem menschlichen Schädel auseinandergesetzt: Katharina Fritsch gestaltet einen hyperrealistischen Totenkopf in weißem, hochglänzenden synthetischen Porzellan, Andisheh Avini schmückt ihn mit einer speziellen Intarsien-Technik, Andrew Lord gießt ihn in Bronze und formt ihn in Keramik, Stefan Balkenhol schnitzt ihn aus Holz, George Condo lässt den Schädel nur noch erahnen, während Miguel Barcelo einen imaginären Pinocchio-Schädel darstellt.

2. Särge, Gräber und Tränen

In keiner Zivilisation bleiben die Toten bei den Lebenden. So haben sich über die Jahrtausende – je nach kulturellem Kontext – sehr unterschiedliche Bestattungskulturen entwickelt, die den Übergang von der einen in eine andere Welt markieren. Diese Übergänge sind mit äußerst komplexen, zumeist religiösen Traditionen entstammenden Trauerritualen verbunden. Was bleibt, sind Grabstätten oder Monumente, die das Andenken der Verstorbenen aufrechterhalten. Heute entwickeln sich vor allem in unserer mobilen westlichen Welt neue Bestattungsformen, die immer mehr von Dienstleistern übernommen werden und als eine Konsequenz von Verdrängung und Anonymisierung, aber absoluter Individualisierung gelten können.

Kimsooja (*1957, ROK) Epitaph, 2002 Digital C-Print Courtesy of Peter Blum Gallery, New York

Die Performance, die dieser Fotografie zugrunde liegt, entstand ein Jahr nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die Silhouette Manhattans geht beinahe nahtlos in das Gräberfeld des Greenlawn Friedhofs von Brooklyn über. Das farbige, im Wind flatternde Tuch schreibt sich ein in das Feld der Toten und wird gleichzeitig zum Symbol für das Leben.

3. Der Tod des Künstlers

Die Todessehnsucht der Künstler ist ein romantisches Thema des 19. Jahrhunderts. Oft genug ist sie durch Suizid auch Realität geworden. Doch auf ganz unterschiedliche Weise taucht der Tod des Künstlers als Thema bis heute immer wieder auf. Die Frage nach seiner Stellung in der Welt oder Zweifel am Sinn des eigenen künstlerischen Wirkens sind dabei ebensolche Triebkräfte wie das neugierige Interesse an der eigenen Beerdigung: Wer würde am Grab stehen? Wer wäre erschüttert? Was, wenn der eigene Tod wieder rückgängig gemacht werden könnte?

Christiana Glidden (*1969, USA) Death of Replicant, 1998 Silikon, Stoff, Schaumstoff, Perücke, Perlen, Pailletten und Kunststoff Christiana Glidden

Die Arbeit von Christiana Glidden gehört in eine Gruppe hyperrealistischer Kunstwerke, die verschiedene Fragen nach dem Tod aufwerfen. Glidden hat ein Abbild ihres Körpers geschaffen und diesen sorgfältig bekleidet. Sie spielt dabei mit der Idee von der „schönen Leiche“. Ähnlich wie die Zwerge das schöne Schneewittchen – wenn nicht lebendig, so doch wenigstens tot – bei sich behalten wollten, bewegt die Künstlerin hypothetisch die Konservierung der eigenen Jugend und Schönheit über den Tod hinaus.

4. Tod und Lifestyle

Im New Romanticism der 1980er Jahre, die sich als Gegenbewegung zum Punk verstand, lebte die verklärte Sehnsucht nach dem Tod, wie wir sie aus Romanik oder Symbolismus kennen, erneut auf. Sie wurde Teil der Jugendkultur. Man interessierte sich für mystische Götterkulte, beschäftigte sich mit Tod und Vergänglichkeit und suchte Zuflucht im Romantischen und Idyllischen. Seiner christlichen Symbolik entkleidet, wurde der Totenschädel hier zum dekorativen Element und Modeaccessoire. Vor allem im Internet entwickelte sich in der Folgezeit ein reger Devotionalienhandel.

 

Izima Kaoru (*1954, JPN) Kuroki Meisa wears Gucci, 2006 Folge von 4 C-Prints Galerie Andreas Binder, München

Der japanische Fotograf Izima Kaoru inszeniert japanische Models in Kleidern exquisiter Labels als „schöne Leichen“, hier in Kleidern von Comme des Garçons. Kaorus Auseinandersetzung mit dem Tod bezieht sich auf die Tradition der schönen Toten in der japanischen Kunst und Literatur. Den eigenen Tod stets vor Augen zu haben, gilt in Japan als größte Herausforderung und lässt auf einen Exitus in höchster Schönheit hoffen.

5. Hommagen

Hommagen – Ehrenbezeugungen für prominente öffentliche Personen, private Huldigungen an verehrte oder geliebte Menschen waren bereits in der Antike Gegenstand der Kunst. Seit dem Mittelalter dienten auch Totenporträts dem ehrenden Andenken von Verstorbenen. Dass Künstlerinnen und Künstler in Totenporträts aus eigenem Antrieb heute auch ihre privaten Beziehungen thematisieren, ist eine Spätfolge der Säkularisierung nach der Französischen Revolution, die das Individuum in existenziellen Fragen auf sich selbst zurückgeworfen hat.

 

Gavin Turk (*1967, GB) Death of Che, 2000 Wachs und verschiedene Materialien The Saatchi Gallery, London

Die Installation von Gavin Turk basiert auf dem berühmten Foto des Revolutionärs Che Guevara von Alberto Korda aus dem Jahr 1960. Die Wachsfigur zeigt Che auf einer Bahre als Opfer eines gewaltsamen Todes. Allerdings gibt ihm der englische Künstler Gavin Turk seine eigenen Gesichtszüge. Die Abweichungen machen bewusst, dass hinter einem kollektiv gespeicherten Bild die eigentlichen Inhalte verloren gehen.

6. Nachleben

Der Tod ist das absolute Ende der physischen Existenz eines Menschen. Möglicherweise ist er aber auch ein transistorischer Zustand zu anderen Lebensformen: Zu Auferstehung, Reinkarnation, Seelenwanderung oder in jüngster Zeit auch zum Weiterleben durch Digitalisierung. Die Toten selbst leben fort in Bildern, Büchern, Träumen, Erinnerungen, Legenden, Denkmälern, Häusern oder Gräbern. Sie sprechen zu den Lebenden, solange sie in deren Bewusstsein einen Platz haben.

 

Ana Mendieta (1948 – 1985, CUB) On Giving Life, 1975 Folge von 3 Farbfotografien, estate print 1995 Lelong, New York

In einer fotografierten Performance legt sich Ana Mendieta nackt auf ein Skelett und küsst den Mund des plastisch gestalteten Männerkopfes. Inmitten einer üppigen Wiese verkuppelt sie sich mit dem Tod, um ihn zu überwinden und spielt dabei die aktive Rolle.

Rundgang

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und mit freundlicher Unterstützung der schweizer Kulturstiftung prohelvetia