Was ist schön?

Eine Ausstellung des Deutsche Hygiene-Museums
27. Mär 2010 - 02. Jan 2011

Einführung

Schönheit ist zu einem allgegenwärtigen Thema unserer Lebensführung geworden - als verführerisches Versprechen oder aber als unerreichbarer Wunschtraum. Im Widerspruch zu der verbreiteten Vorstellung, dass uns die Medien heute ein verbindliches Ideal von Schönheit diktieren würden, kommt die Ausstellung zu einem ganz anderen Schluss: Schönheit wird heute von den meisten Menschen als Differenz und Pluralität gelebt.

Was ist SCHÖN? präsentiert eine kritische Bestandsaufnahme des heutigen Schönheitsdiskurses. Die Ausstellung zeigt, welche Themenbereiche die Auseinandersetzung mit Schönheit heute prägen: Können die traditionellen ästhetischen Konzepte überhaupt noch Geltung beanspruchen? Welchen Einfluss nehmen beispielsweise die Mode und die Medien auf die ästhetischen Vorlieben? Welche Rolle spielen evolutionsbiologisch bedingte Vorprägungen bei unseren ästhetischen Urteilen? Welche Selbstbilder sind wirksam, wenn heute der Körper zunehmend zum Objekt von Schönheitstechniken wird? Wie und warum entscheidet Schönheit auch über den gesellschaftlichen Erfolg? Können Forschungszweige wie Neurologie oder Psychologie neue Antworten geben und Schönheit quasi wissenschaftlich objektiv beschreiben?

Besonders intensiv wird diese Vielschichtigkeit des Schönheitsdiskurses heute in der Bildenden Kunst reflektiert. Zahlreiche Arbeiten zeitgenössischer Künstler bereichern darum die Ausstellung mit ihren ganz eigenen Perspektiven und Positionen. Beteiligt sind u.a.: Matthew Barney, Patrycja German, Isabell Heimerdinger, Ulrike Rosenbach, Herlinde Koelbl, Stephanie Kramer, Mariko Mori, Julian Opie, ORLAN, Blaise Reutersward, Martin Schoeller, Cindy Sherman, Juergen Teller, Rosemarie Trockel, Ari Versluis und Ellie Uyttenbroek.

Abteilungen

1. Sehnsucht und Versprechen

Mit Schönheit verbinden wir das Besondere und Glamouröse. Dieser Erwartung folgend, betreten die Besucher zunächst einen in dunklem Rot gehaltenen Raum, der an einen prächtigen Salon erinnert und von einem pompösen Kristalllüster erleuchtet wird. Die hier gezeigten fotografischen Porträts und Körperansichten von bekannten Fotografen verweigern sich jedoch dem von diesem Raum ausgehenden Glamourfaktor. Oberflächlich betrachtet, scheinen Raum und Objekte einen Gegensatz zu bilden, doch bilden sie konzeptionell gesehen eine Einheit.

2. Macht und Macher

Spiegelte die Gestaltung des ersten Raumes unsere Sehnsüchte und Erwartungen an die Schönheit in gebrochener Form wider, so geht der zweite Raum diesen Schritt der Brechung konsequent weiter. Passend zu den Hintergrundgeschichten über "Macht und Macher von Schönheit", ist diese Abteilung in einer rohen backstage-Architektur ausgeführt, deren Strukturen und Bauelemente offen liegen, mit Wänden und Vitrinen aus Sperrholz und Pappe. Die Themen dieses Raumes kreisen um die Fragen „Ist schön gleich gut?“ und „Kann jeder schön sein?“ und "Welche Interessen und Macharten stehen dahinter?"

3. Intermezzo: der Spiegelgang

Bevor die Besucher jedoch in den dritten Raum gelangen, treten sie in einen Gang von beeindruckender Länge, der auf der einen Seite verspiegelt ist, während die Wände zu den Ausstellungsräume hin von einem rotsamtenen Vorhang verkleidet sind. Der geheimnisvolle, die Zugänge zu den Räumen verbergende Vorhang, das eigene Spiegelbild und das Spiel mit der Perspektive, machen aus diesem Korridor einen Erlebnisraum und gleichzeitig ein dramaturgisches Verbindungselement. Die Besucher werden Teil der Ausstellung, indem sie zwischen den einzelnen Abteilungen immer wieder mit ihrem Abbild und sich selbst konfrontiert werden. Am Ende werden sie die Ausstellung durch diesen Spiegelgang wieder verlassen. Die physische Selbstbespiegelung verweist auf die Reflexion über die gewonnenen Erkenntnisse, auf beantwortete und neu aufgeworfene Fragen.

4. Norm und Differenz

Der dritte Raum empfängt die Besucher mit einer klaren Geometrie und mit gediegener Kühle. Passend zum Thema und dem Prinzip von „Maß und Zahl“ ermöglicht er eine gewisse Distanz. Hier geht es um die Frage, woher unsere Vorstellungen, unsere Ideale von menschlicher Schönheit kommen. Die Antwort führt uns einerseits zu Regeln und Mustern, denen der Mensch seit jeher nachspürte, und aus denen er universelle ästhetischen Normen abzuleiten versuchte; andererseits vermittelt der Raum die Erkenntnis, dass es immer schon sehr individuelle Auslegungen der gängigen Schönheitsregeln gegeben hat und bis heute gibt.

5. Wahrnehmung und Bewertung

Nachdem der dritten Raum Schönheit vor allem unter kulturellen, kulturhistorischen und soziologischen Gesichtspunkten betrachtet hat, wird im vierten Raum gefragt, was eigentlich in und mit uns geschieht, wenn wir etwas als schön wahrnehmen. Dazu begeben sich die Besucher in einen dunkel gehaltenen Raum, aus dem Vitrinenbänder und einzelne Objekte und Bilder herausstrahlen. In dieser Atmosphäre werden die Sinne geschärft und ein Ort der Konzentration geschaffen.

 

Keine Schönheit ohne Wahrnehmung, und keine Wahrnehmung ohne Bewertung! Angesichts der unablässig auf uns einströmenden Reizflut ist die durch unser Gehirn erfolgende ordnende Auswahl und Beurteilung Voraussetzung dafür, dass wir uns orientieren und handeln können. Sinneseindrücke werden dabei auch nach ihrer Wiederholung und Regelmäßigkeit bewertet – und so deren Bedeutung „gelernt“. Dabei „begreifen“ wir die Welt primär mit den Händen und den Augen. Nicht umsonst stammen zahlreiche Begriffe zum Thema Schönheit aus der Welt des Visuellen. Daher steht in der ersten Abteilung das Sich-Sehen-Lernen im Mittelpunkt.

6. Vielfalt und Gestaltung

Am Ende der Ausstellung wird die Perspektive auf das Thema Schönheit noch einmal geweitet. Betreten die Besucher den letzten Raum, nehmen sie zunächst nichts anderes wahr, als einen in warmes Licht getauchten Saal. Unregelmäßig verteilte Pfeiler zeichnen einen leichten Schattenwurf auf den Boden. Beim Durchschreiten des Saals entdecken die Besucher an den Rückseiten der Pfeiler verschiedene Monitore. Hier werden in zehn sensiblen, von der Künstlerin Gabriele Nagel (*1970) gedrehten Video-Filmen sehr persönliche Antworten auf die Frage „Was ist schön?“ gegeben. Schönheiten werden in diesen Videos nicht als konsumierbare Produkte der Warenwelt gezeigt. Im Mittelpunkt steht vielmehr die sinnliche Betrachtung, die Genuss, Bewunderung oder gar Ehrfurcht hervorrufen kann. Die Besucher sind auch eingeladen, in diesem meditativen, medial geprägten Environment über das bislang Gesehene zu reflektieren.

 

In den Filmen Gabriele Nagels werden Menschen vorgestellt, die sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit dem Schönen beschäftigen. So groß die Nivellierungstendenz der Medien und der Werbung auch sein mag, unser individuelles Leben bleibt weiterhin von der spannungsreichen Vielfalt des Schönen geprägt. Je nach Lebenslage, sozialem und kulturellem Umfeld, nach Bildungsstand und persönlichen Interessen werden höchst verschiedene Menschen, Dinge oder Umgebungen als schön empfunden. Die in den Videos vorgestellten Menschen gestalten große Teile ihres Berufslebens oder ihrer Freizeit unter der Maßgabe ihrer eigenen Idee von Schönheit. Sie sind dabei nur aus dem Off zu hören, während ihre Schöpfungen und Beschäftigungen im Bild zu sehen sind. Selbstbewusst, nachdenklich und auch humorvoll reflektieren sie über ihre Motive, Wertmaßstäbe und Beurteilungskriterien vom Schönen, die für ihre Mitmenschen nicht immer leicht nachvollziehbar sind.

Rundgang

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Deutschen Krankenversicherung und dem Deutschlandradio Kultur.