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1: Die Macht der Atmosphäre

Was Wetter und Klima verändern können

Eine elementare menschliche Erfahrung besteht darin, der Urgewalt der Natur ausgeliefert zu sein. Aber Wetter und Klima sind gleichgültig gegenüber allem, was sich auf der Erde vorfindet - auch gegenüber dem Menschen. Wetter und Klima prägen und verändern Landschaften, sie sind Taktgeber der Evolution und vernichten Leben schlagartig in Katastrophen oder zwingen durch klimatische Langzeitveränderungen zum Aufgeben von Lebensräumen. Heute registrieren wir eine Zunahme dramatischer Wetterereignisse, aber das ist erdgeschichtlich betrachtet keine Ausnahme. Es gibt eine lange Geschichte solcher Ereignisse und ihres Einflusses auf den Menschen - und auf alles andere, was der Atmosphäre ausgeliefert ist.

2: Beobachten und Berechnen

Vom Wunsch, in die Zukunft zu sehen

Die zweite Abteilung zeigte das Klima als Gegenstand der historischen und gegenwärtigen Forschung. Im Gegensatz zum Wetter ist das Klima ein Medien- und Datenphänomen, das heute nur noch dank gewaltiger Rechnerleistungen überblickt werden kann. Modernste Messinstrumente und Satelliten erfassen und analysieren ständig fast sämtliche Wetterphänomene: Wie verändert sich die Sonnenstrahlung? Wie bilden sich Wolken? Ist der gegenwärtige Klimawandel durch seine Geschwindigkeit und sein Ausmaß einzigartig in der Menschheitsgeschichte? Was kann die Geschichte des Klimas über seine Zukunft aussagen?

 

 

Am Anfang der Wissenschaftsgeschichte des Wetters steht vor fast vierhundert Jahren die Feststellung des florentinischen Hofmathematikers Evangelista Torricelli, dass Luft Druck ausübt, also ein Gewicht hat - dass wir also alle "am Grunde eines Meeres aus Luft" leben. Seitdem wird das Wetter erforscht, indem sein Geschehen aus physikalischen Größen und Gesetzen abgeleitet wird. Aus Erfahrung wird Berechnung - dies gilt heute, da in großem Stil klimatische Veränderungen in Modellrechnungen simuliert werden, mehr denn je.

 

 

Neben Datenberechnung und prognostischen Simulationen bleibt jedoch das Beobachten von Phänomenen und das Messen physikalischer und chemischer Größen die Basis unseres wissenschaftlichen Umgangs mit dem Wetter. Viele scheinbar einfache Fragen sind bis heute noch nicht umfassend beantwortet. Und so begann die Erzählung der zweiten Abteilung ausgehend von den unmittelbar erfahrbaren Wetterphänomenen. Sie zeigte exemplarisch, welche Fragen und Herangehensweisen es in der Geschichte der wissenschaftlichen, aber auch der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Wetterphänomenen gab. Sie zeigte die unterschiedlichen Ansätze, das Wetter zu messen, es zu beobachten und es durch jahrhundertelanges, mehrmals tägliches Notieren für die Nachwelt zu "konservieren".

 

 

Immer wieder erlaubte sich die Ausstellung aber auch unerwartete "Seitenblicke", so wenn sie beispielsweise die uns vertraute Form des Wetterberichts mit den wetterprognostizierenden Mäuseorakeln der Baule von der Elfenbeinküste konfrontiert wird.

3: Abwehr und Anpassung

Macht das Klima den Menschen?

Das Verhältnis zu Wetter und Klima ist auch eine Frage der persönlichen Einstellung, die aber immer auch von kollektiven, kulturellen Erfahrungen geprägt ist. Das bedeutet: Wenn sich das Klima ändert, ändert sich auch unser Verhältnis zu ihm. Der dritte Ausstellungsraum erzählte persönliche Geschichten vom Leben mit dem Wetter und er erzählt von der Klimageschichte der Menschen. Er stellte historische und aktuelle Einstellungen zu Wetter und Klima vor und beschreibt, welche Energie wir individuell und kollektiv aus diesen Phänomenen beziehen. Die menschliche Kultur funktioniert dabei oft wie eine Art Klimaanlage, die aus der natürlichen Außenwelt einen geordneten Innenraum zu machen versucht. Doch der Mensch hat zugleich auch gelernt, sich den klimatischen Veränderungen anzupassen und mit den verfügbaren Rohstoffen zu haushalten.

 

 

Vor allem in der Bewältigung von Katastrophen und schwierigen Klimaten zeigt sich, welche gemeinschafts- und kulturprägende Kraft das Wetter haben kann. Das Spektrum gesellschaftlicher Reaktionen reicht von der gottergebenen Hinnahme bis hin zu dem Ziel, sich technisch von den natürlichen Bedingungen zu emanzipieren, und zum Ideal einer vollständig beherrschbaren Natur.

 

 

Unser heutiger Umgang mit Wetter und Klima erweist sich oft als eine Form der "Klimatisierung", der Herstellung angenehmer, vom Außen abgekoppelter Innenklimata. Das Unkontrollierbare wird durch Messungen und Technologien handhabbar gemacht und so scheinbar domestiziert. Gleichzeitig hat es in der Geschichte aber immer wieder auch andere Strategien gegeben: Arrangements mit unterschiedlichen Wetter- und Klimabedingungen, das Aufgeben unbewohnbar werdender Gebiete oder das Erschließen scheinbar unbewohnbarer Landschaften.

 

 

Dabei ist das Verhältnis zum Wetter alles andere als eindimensional. Neben dem Streben nach Kontrolle, nach der Überwindung der Zufälligkeit des Naturereignisses gibt es immer auch den Weg, der genau dort hinführt - der Mensch macht sich gezielt zum Objekt von Wetter und Klima, indem er sich ihm aussetzt. Er genießt die Sonne, den Regen auf der Haut und den Wechsel der Jahreszeiten; er sucht das angenehme Urlaubs-, aber auch das extreme Klima, er lässt sich herausfordern und stößt an die eigenen Grenzen.

4: Wetter machen

Von einem alten Traum zum globalen Dialog

Es ist ein alter Menschheitstraum, sich aus der Abhängigkeit von den Göttern oder dem blinden Wirken der Natur zu befreien und das Wetter selbst zu gestalten. Dieser Traum ist inzwischen auf fatale Weise Wirklichkeit geworden. Die vierte Abteilung zeigt die Welt in einer Versuchsanordnung, in der die Menschen sowohl Handelnde als auch Getriebene sind. Wird es uns gelingen, den Austausch mit der Atmosphäre so zu gestalten, dass die menschliche Zivilisation auf diesem Planeten fortgesetzt werden kann? Handelt es sich dabei um ein rein technisches Problem? Oder müssen ganz neue, global agierende politische und wissenschaftliche Institutionen entwickelt werden? Und: Was kann der Einzelne schon heute tun?

 

 

Es gab schon immer zahlreiche und ganz unterschiedlich motivierte Versuche, ein bestimmtes Wetter abzuwehren, es herbeizurufen oder auch ganze Klimate zu verändern. Die Methodik reicht von Appellen an Gottheiten bis hin zu den Versuchen, Wolken und ihr Abregnen für die wirtschaftliche oder militärische Nutzung zu steuern. Hinzu kommt eine Geschichte der Simulation von Wetter- und Klimaverhältnissen, etwa in der Produktion künstlicher Räume, und die Suche nach anderen bewohnbaren Atmosphären bis hin zur Idee des "Terraforming" - der Herstellung erdähnlicher Verhältnisse auf anderen Planeten

 

 

Heute realisiert sich der Traum vom Wettermachen offenbar anders als erhofft. Nur wenige Klimaforscher bezweifeln noch, dass der Klimawandel menschengemacht ist, viele halten ihn für menschenbedrohend. Der Begriff "Klimaschutz" weist in eine falsche Richtung: denn nicht von einer Gefährdung des Klimas sollte die Rede sein, sondern von einer Gefährdung der aktuellen Erdpopulation.

 

 

Vielleicht bleibt uns inzwischen gar nichts anderes mehr übrig, als das Wetter selbst zu "machen". Aber haben wir das notwendige Wissen, die Erfahrungen, die Institutionen, die dazu nötig wären? Neben der Aufgabe, das Wissen über den Klimawandel zu vermehren, geht es auch um den Umgang der Weltgesellschaft mit globalen Risiken, um den Einsatz und die Verteilung von Ressourcen, um Fragen der politischen und gesellschaftlichen Durchsetzbarkeit.

 

 

Ein wichtiger Bestandteil des vierten Raumes war eine Multimediainstallation mit Klimazeugen-Interviews. Diese Filme verdeutlichten, in welcher Form sich das Leben von Menschen aus verschiedensten Teilen der Erde durch die Erderwärmung verändert und oft auch bedroht wird. Ein Teil der Filme wurde uns freundlicherweise vom World Wide Fund for Nature (WWF) zur Verfügung gestellt. Einige dieser Interviews entstanden eigens für die Ausstellung. Der WWF hat das Projekt "Klimazeugen" bereits im Jahre 2005 ins Leben gerufen. Rund um den Globus, im Internet und auf Lobby-Veranstaltungen des WWF legen die Klimazeugen Zeugnis darüber ab, wo und wie der Klimawandel ihr Leben verändert. Sie berichteten von nachlassenden Regenfällen in Kenia, die den Anbau von Lebensmitteln extrem erschweren. Oder über Gegenden, die immer häufiger von Überschwemmungen betroffen sind, wo Menschen deshalb große Teile ihres Grundbesitzes verloren haben. Indem der WWF ihnen und ihren Geschichten ein Forum gibt, erhält der Klimawandel Gesichter und Stimmen. Er wird konkret und anschaulich.

 

Um sicher zu stellen, dass ihre Beobachtungen mit der Klimawissenschaft übereinstimmen, werden alle Berichte der Klimazeugen von Wissenschaftlichen Beirat des Klimazeugenprogramms kontrolliert. Darin sind 100 renommierte Klimaforscher aus allen Teilen der Welt versammelt.

 

Die Aussagen der Klimazeugen können auf der Internetseite von WWF International kommentiert werden. Wer selber in seinem Alltag Veränderungen in der Natur beobachtet, die mit dem Klimawandel in Zusammenhang stehen könnten, kann dies unter www.panda.org/climatewitness in eine Internetmaske eintragen und sich so beim WWF als Klimazeuge bewerben.

 
 

 

Fotos: David Brandt