logo info ausstellungen programm kalender dhmd mehr suche
 

Im Anfang war das Wort

12 Annäherungen an die Sprache und das Sprechen

 

Ringvorlesung in Zusammenarbeit mit der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, der Professur für Angewandte Linguistik der Technischen Universität Dresden und dem Goethe-Institut Dresden.

 

Eintritt frei, außer bei den Veranstaltungen am 9. November 2016 und am 11. Januar 2017

 

Sprachen sind - ob als gesprochene, geschriebene oder als Gebärdensprachen – Grundlage menschlicher Gemeinschaft. Sie sind vielfältig, strukturieren unser Denken und unsere Wahrnehmung, durch sie treten wir zu anderen Menschen, aber auch zu unseren eigenen Gefühlen in Beziehung. Wir grenzen uns durch Sprachen von anderen ab, wir können mit Worten andere verletzen oder aber mit einem „Ja, ich will“ bei der Eheschließung eine rechtsgültige Handlung vollziehen. Gibt es in unserem Leben eigentlich noch etwas, das wir nie in Sprache fassen werden können?

 

Im Begleitprogramm der Sonderausstellung „Sprache“ beschäftigen wir uns mit der Funktion und Wirkungsweise von Sprache. In zwölf Vorträgen und Diskussionen wollen wir den Bogen von der Entstehung der menschlichen Sprache bis hin zu ihrer möglichen Zukunft unter dem Einfluss technischer Innovationen schlagen und mit Experten aus Wissenschaft, Kunst und Literatur diskutieren.

 

 

 

 

Mittwoch, 19. Oktober, 19 Uhr

Evolution: Wie sind Sprachen entstanden?

Sprachen sind mindestens so alt wie der moderne Mensch. Dieser kann Gebärdensprachen genauso gut entwickeln wie Lautsprachen und es ist daher sehr unwahr¬scheinlich, dass es einst nur eine einzige Sprachform gab. Der Vortrag verfolgt die Prozesse nach, in denen auch heutzutage immer wieder neue Sprachen entstehen oder Sprachen sich aufgrund von Mehrsprachigkeit und Entlehnung spontan verändern. Inzwischen lassen sich aber auch Simulationsexperimente durchführen, die zeigen, wie sich einzelne Spracheigenschaften im Laufe von tausenden von Generationen verändert haben. Sprache ist eine lebendige Geschichte des Menschen.

 

Prof. (em.) Dr. Dieter Wunderlich, Sprachwissenschaftler an der der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Wissenschaftlicher Beirat am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft Berlin, Autor u.a. von „Sprachen der Welt: Warum sie so verschieden sind und sich doch alle gleichen“ (2015)

 

 

Mittwoch, 26. Oktober, 19 Uhr, Achtung: Dieser Vortrag findet anlässlich des 20. Geburtstages

des Goethe-Instituts Dresden in der Niederlassung auf der Königsbrücker Str. 84 statt.

Spracherwerb: Wie lernen Kinder Sprache?

Kindlicher Spracherwerb erfolgt mühelos in den ersten Lebensjahren – und doch ist es immer noch ein Mysterium, wie das geschieht. Hirnphysiologische Messungen erlauben uns heute einen Einblick in den Zusammenhang von Sprachentwicklung und Hirnreifung. Diese Messungen zeigen, dass Sprachverarbeitung schon vor der Geburt beginnt und spezifische sprachliche Fähigkeiten eng mit der Reifung bestimmter Hirnstrukturen einhergehen, sie sogar zum Teil erst möglich machen.

 

Prof. Dr. Angela Friederici, Gründungsdirektorin des Bereichs Neuropsychologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

 

 

Mittwoch, 2. November, 19 Uhr

Die beste Schrift der Welt

Schrift dient dazu, der Sprache eine sichtbare und dauerhafte Form zu verleihen. Von Anfang an jedoch war der Zugang zur Schriftkenntnis ein Privileg, mit der Beherrschung der Schrift sind auch heute noch Macht und soziale Ungleichheit verbunden. Ist dies vielleicht ein Grund, warum sich bis heute – im Unterschied zu Zahlen – keine Universalschrift durchgesetzt hat, obwohl Kriterien für eine optimale Schrift existieren? Aber woran erkennt man eigentlich, ob eine Schrift gut oder schlecht ist? Und wenn man das sagen kann - welche ist die beste?

 

Prof. Dr. Florian Coulmas, Japanologe und Schriftforscher am IN-EAST Institute of East Asian Studies der Universität Duisburg-Essen, Autor zahlreicher Publikation zum Thema u.a. Über Schrift, Frankfurt: Suhrkamp 1981, Writing Systems. An Introduction to Their Linguistic Analysis, Cambridge: Cambridge University Press 2003.

 

 

Mittwoch, 9. November, 19 Uhr, Eintritt: 5/3 €

Sprache und Macht: Wie viel Streit verträgt die Demokratie?

Diese Veranstaltung ist gleichzeitig Bestandteil des Literaturfestivals „Literatur jetzt! 2016“.

 

Wieviel sprachliche Sensibilität braucht die veröffentlichte Meinung, um den Frieden in einer demokratischen Gesellschaft zu bewahren – und wieviel Offenheit verträgt sie? Verhindert die „politische Korrektheit“ notwendige Diskussionen und trägt sie damit zu einer Radikalisierung gegnerischer Lager bei? Oder erleben wir umgekehrt eine verbale Enthemmung, die bis zur Gewalt führen kann?

 

Diskussion mit:

Jürgen Kaube, Journalist und Autor, seit 2015 einer der vier Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; für seine publizistische Arbeit erhielt Kaube 2015 den Ludwig-Börne-Preis

Lukas Bärfuss, Schweizer Schriftsteller und Dramaturg, zuletzt erschien bei Wallstein sein Essay-Band „Stil und Moral“ (2015).

Moderation: Prof. Dr. Dagmar Ellerbrock, Historikerin, Technische Universität Dresden

Diese Veranstaltung ist gleichzeitig Bestandteil des Literaturfestivals „Literatur jetzt! 2016“.

 

 

Mittwoch, 23. November, 19 Uhr

Dem Täter auf der Spur: Sprache als Tatwerkzeug

Wenn Täter einen anonymen Erpresserbrief oder eine Lösegeldforderung hinterlassen, ahnen sie nicht, dass sie mit dem Text selbst eine Spur legen, die es nur zu lesen gilt. Verschiedene linguistische Analyseverfahren machen es möglich, Tatschreiben so auszuwerten, dass sie im besten Fall Rückschlüsse auf einen Täter erlauben.

 

Dr. Eilika Fobbe, Sprachwissenschaftlerin, linguistische Sachverständige, ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die forensische Stilanalyse und Aspekte sprachlicher Glaubwürdigkeit.

 

 

Mittwoch, 30. November, 19 Uhr

Sprache und Ritual. Alltagssprache – Predigtsprache - liturgische Sprache

Rituelle Kontexte haben Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Menschen Sprache verwenden. In Religionen kommt dieses Phänomen immer wieder deutlich zur Erscheinung. Gerade auch der christliche Gottesdienst stellt besondere Anforderungen an die Sprache und das Sprechen und kann als in sich vielfältig gegliedertes Sprachgeschehen betrachtet werden. Gebete und Predigt etwa erfordern eine je eigene Sprachgestalt, stehen unter unterschiedlichem Anspruch unmittelbarer Verständlichkeit bzw. auch Gebundenheit an das Wort der Schrift. Sprache und Sprechen in rituellem, liturgischem Kontext haben eigene Gesetze und unterscheiden sich von bloßer Alltagskommunikation.

 

Prof. Dr. Alexander Deeg, Institut für Praktische Theologie Leipzig, beschäftigt sich mit der Dramaturgie und dem sprachlichen Aufbau einer guten Predigt, provozierte schon mit dem Satz: „Gott ist nicht tot. Er ist nur bei einem ganz normalen evangelischen Gottesdienst eingeschlafen“.

 

 

Mittwoch, 7. Dezember, 19 Uhr

sprache und gewalt II: verletzende worte

sind einzelne sprachhandlungen gewalt oder ist es 'die' sprache - und

welche gruppen bestimmen überhaupt darüber? wie ist es möglich mit einer

gewaltvollen sprache in sprachliche gewalt zu intervenieren?

 

Prof. Dr. Lann Hornscheidt, Professur für Gender Studies und Sprachanalyse

an der Humboldt-Universität zu Berlin, lehrt momentan an der Universität Bern (Schweiz)

 

 

Mittwoch, 14. Dezember, 19 Uhr

Die Kunst des Übersetzens. Antike und heutige Bibelübersetzungen

Vor 2300 Jahren wurde das hebräische Alte Testament von den Juden in die antike Weltsprache Griechisch übersetzt – eine ungeheure kulturelle Leistung des antiken Judentums. In den letzten zehn Jahren wurde die deutsche Einheitsübersetzung der Bibel von 1975 überarbeitet; diese revidierte Fassung erscheint im Herbst 2016. Damals wie heute stellt die Übertragung eines Textes in eine völlig andere Sprache und Kultur vor Probleme: Teils sind es dieselben, teils sind es neue. Einige gelten für jede Übersetzung, andere spezifisch nur für sogenannte heilige Texte einer Religionsgemeinschaft. Der Vortrag wirft einen Blick auf antike und moderne Bibelübersetzungen und fragt nach Strukturen und Kriterien von Übersetzung.

 

Prof. Dr. Dieter Böhler SJ, Professor für Exegese des Alten Testaments, Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main

 

 

Mittwoch, 11. Januar 2017, Eintritt: 4/3 €

Dialog-Salon IV: Dirigieren – eine Gebärdensprache?

Podiumsdiskussion in Kooperation mit Klangnetz. Netzwerk für Neue Musik e.V.

Diese Veranstaltung wird zusätzlich durch Gebärdensprachendolmetscher für ein gehörloses Publikum übersetzt.

 

Handzeichen, Mimik und Körperhaltung – das sind die drei wesentlichen Bestandteile der Gebärdensprache. Oder die des Dirigenten? Im Dialog-Salon „Dirigieren – eine Gebärdensprache?“ nähern sich Persönlichkeiten aus der Welt der Klänge dieser Fragestellung genauso wie Experten aus dem Reich der Stille. Kann ein Gebärdensprachler den Zeichen eines Dirigenten folgen? Gibt es ein ähnliches Vokabular? Und wie sieht es neben der reinen Technik mit der persönlichen Handschrift, der Freiheit der Interpretation aus? Ergänzend zur Gesprächsrunde interveniert das Publikum mit eigenen Vorschlägen und Versuchen, ein musikalischer Beitrag beleuchtet Gebärde und Dirigat aus der Perspektive des mit gehörlosen Eltern aufgewachsenen Komponisten Helmut Oehring.

 

Es diskutieren:

Helmuth Oehring, Komponist, Kind gehörloser Eltern, der in seinen Kompositionen mit Gebärdensprache arbeitet

Olaf Katzer, Professor für Chordirigieren an der HfM Carl-Maria von Weber Dresden, Dirigent von AuditivVokal,

Laura M. Schwengber, Gebärdendolmetscherin mit Spezialgebiet Konzert

Moderation: Prof. Dr. Wolfgang Lessing, Musikpädagoge, Hochschule für Musik Dresden

 

 

Mittwoch, 18. Januar, 19 Uhr

Volapük, Klingonisch, Elbisch, Basic English … Esperanto: Ein Streifzug durch die Welt der erfundenen Sprachen

Es hat bisher wohl nicht weniger als tausend Versuche gegeben, eine künstliche Sprache (oder genauer: Plansprache) zu schaffen. Der Vortrag stellt die wichtigsten Plansprachenmodelle vor und gliedert sie nach ihrer Struktur, den Motiven ihrer Autoren sowie nach ihrer Anwendung. Einen Schwerpunkt bildet das 1887 von Ludwig Lazar Zamenhof begründete Esperanto, das einzige Projekt, das sich zur vollständig funktionierenden Sprache entwickeln konnte. Ein Exkurs beleuchtet die besondere Gruppe der für Filme und Romane geschaffenen Sprachen wie Klingonisch oder Tolkiens Elbensprachen.

 

Prof. Dr. Sabine Fiedler, Sprachwissenschaftlerin, Uni Leipzig, forscht zur Interlinguistik/Esperantologie und Lingua-franca-Kommunikation

 

 

Mittwoch, 25. Januar, 19 Uhr

Grenzen der Sprache: Wie sagt man das Unsagbare?

An den Grenzen der Sprache treffen sich Dichter und Theologen im Ringen, das kaum noch oder gar nicht mehr Sagbare dennoch zu sagen. Besonders wenn sich die Sprache dem Geheimnis Gottes nähert, verlieren sich ihre gewohnten Koordinaten. Kann ein Satz von „Gott“ noch „etwas“ sagen? Wo haben die Worte hier ihren festen Bezug? Wie können sie „verständlich“ werden?

In dem Maße, wie immer mehr Menschen religiöse Analphabeten sind, steht für Christen die Frage nach den Chancen einer Alphabetisierung im Raum. Aber sind sie nicht selbst unsicher geworden im Sprechen? Eine Besinnung auf das Wesen religiösen Ausdrucks kann helfen, Sprachlosigkeit in Energie zu verwandeln. Unsicherheit kann zur Kraft der Erneuerung werden, zu einer Öffnung der Sprache auf das Unsagbare hin.

 

Christian Lehnert, evangelischer Theologe und Lyriker, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Liturgiewissenschaftlichen Institutes der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands an der Universität Leipzig

 

 

Mittwoch, 1. Februar, 19 Uhr

Zukunft der Sprache: Wie das Internet Literatur verändert

Das Internet wird gemeinhin als eine Struktur des Austausches und der Kongenialität eingeschätzt – die Literatur hingegen als Ausdruck einer ganz besonderen Subjektivität, die der Welt in einer eigenen, unnachahmlichen Sprache begegnet. Wie kommen diese beiden Phänomene produktiv in Kontakt? Das Projekt „Morgen mehr“ von Tilmann Rammstedt wagt die Kontaktaufnahme, indem der Autor über drei Monate hinweg den Entwicklungsprozess seines neuen Romans im Netz für Lektüre und Kommentare frei gab. Wie verändert sich Literatur, wenn sie auf unendlich vielen Bildschirmen entsteht und deren Vielstimmigkeit integriert?

 

Tilmann Rammstedt, Schriftsteller und Musiker, der u.a. 2008 den Ingeborg Bachmann-Preis erhielt, von seinem aktuellen Roman „Morgen mehr“ schickte er von Januar bis April täglich seine geschriebenen Seiten per What’s App oder E-Mail an Abonnenten, die durch Kommentare, Rückfragen, Bemerkungen den Verlauf der Romanhandlung mitbestimmen konnten.