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SCHAM

100 GRÜNDE ROT ZU WERDEN

Eine Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums

26. November 2016 bis 5. Juni 2017

 

Gefördert von:

 

 

Kurator:

Daniel Tyradellis, Berlin

 

Gestaltung:

Roger Bundschuh, Berlin

 

Leben wir in schamlosen Zeiten? Nackte Körper umgeben uns überall, in den Sozialen Medien gibt man noch seine letzten Geheimisse preis und mit Begeisterung fremdschämt man sich für die Peinlichkeiten anderer. Aber die Scham hat nicht an Bedeutung verloren, sondern wechselt lediglich ihre Gestalten – so die Grundthese der Ausstellung. Psychologie und Soziologie haben sie inzwischen als ein zentrales Gefühl bei der Ich-Entwicklung entdeckt und als eines der wirksamen Regulative von Gesellschaft analysiert. Denn Scham ist der soziale Affekt schlechthin: In ihr verhandelt sich das Verhältnis von Individuum und Kollektiv, von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Norm und Abweichung – und sie begleitet uns ein Leben lang.

 

Auch in aktuellen politischen Debatten spielt die Scham ein wichtige Rolle: „Schämt euch!“ lautet der

Vorwurf gegen Politiker, die sich vermeintlich von den Wünschen der Bürger entfremdet haben, oder

gegen Konzernlenker, die sich hemmungslos bereichern. Es sieht so aus, als sei das Gefühl für das

rechte Maß von Scham in unserer Gesellschaft zu einer moralischen Instanz geworden, die darüber

entscheidet, was angemessen ist und was nicht. Woher die Normen dafür stammen und wie sie sich

begründen lassen, darüber wird im Alltag wenig nachgedacht.

 

Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, scheint von Natur aus im Menschen angelegt, auch wenn ihre

jeweilige Ausprägung kulturabhängig ist. Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen Scham deshalb

konsequent interdisziplinär und bezieht unterschiedlichste wissenschaftliche Perspektiven ebenso ein

wie Werke historischer und zeitgenössischer Kunst. In einem Parcours von einhundert Gründen und

Anlässen der Scham beleuchtet sie dieses schillernde Grundgefühl aus Perspektiven

unterschiedlicher Intensität – vom trivialen Pups, der im unpassenden Augenblick entweicht, bis hin

zur existenziellen Scham darüber, der zum Massenmord fähigen Gattung Mensch anzugehören.

 

Hinter dieser scheinbar zwanglosen Gliederung steht jedoch eine gezielte Choreographie, die den

Ausstellungsbesuch zu einem sozialen Experiment von Scham und Peinlichkeit macht. Im Rundgang

ergeben sich für die Besucherinnen und Besucher häufig Momente des Beobachtens und

Beobachtetwerdens: So informiert die Eye-Tracking-Technik die Umstehenden darüber, welches

Körperteil der eigene Blick auf einer erotische Darstellung gerade fixiert; eine Waage misst unbemerkt

das eigene Gewicht und projiziert das Ergebnis in den Raum; Spiegel, Gucklöcher und Durchblicke

zu anderen Abteilungen erschließen unerwartete Zusammenhänge. So erfährt das Publikum am

eigenen Leib: Was individuell als restriktiv empfunden wird, kann für das Funktionieren einer

Gemeinschaft durchaus positiv sein – und umgekehrt.

 

Videos zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler zeigen Menschen in peinlichen und schamhaften

Momenten, die oft mit tradierten Rollenmustern, Geschlechterklischees und kontextabhängigen

Erwartungen zu tun haben. Etwa Ferhat Özgür, in dessen Video „It's time to dance now“ eine

vollkommen verschleierte Frau ausgelassen zu Techno-Musik tanzt – und damit Geschlechterrollen

und Vorstellungen von Scham und Schamlosigkeit zur Disposition stellt. Als Markierungen der

zentralen Themenfelder begegnen die Besucher im Verlauf ihres Rundgangs zwölf Skulpturen. Das

Spektrum reicht von antiken Plastiken (z. B. die Pudor-Geste) über ethnologische Schaufiguren

(Ethnozentrismus und Rassismus) bis hin zu einem interaktiven Roboter (Gibt es ein Jenseits der

Scham?). Jede von ihnen stellt auf andere Weise den menschlichen Körper als Kreuzungspunkt der

Natur und Kultur des Schamempfindens dar und stellt vor die Frage, was Scham zu dem vielleicht

menschlichsten aller Gefühle macht.

 

Neben kulturhistorischen Exponaten, Dokumenten und Medien präsentiert die Ausstellung Werke

folgender Künstlerinnen und Künstler:

 

Nobuyoshi Araki (*1940)

Kurdwin Ayub (*1990)

Leigh Bowery (1961–1994)

Jörg Buttgereit (*1963)

VALIE EXPORT (*1940)

Christian Jankowski (*1968)

Terence Koh (*1977)

Leigh Ledare (*1976)

Victoria Lomasko (*1978)

Erik van Lieshout (*1968)

Alex McQuilkin (*1980)

Margret - Chronik einer Affäre (1969/70)

Ferhat Özgür (*1965)

Dennis O’Rourke (1945–2013)

Bruce Richards (*1948)

Rokudenashiko (*1972)

Joanna Rytel (*1974)

Sašo Sedlaček (*1974)

Jan M. Sieber (*1975) und Ralph Kistler (*1969)

Thomas Schütte (*1954)

Helmut Schwickerath (*1938)

Miroslav Tichý (1926–2011)

Phillip Toledano (*1968)

Oliviero Toscani (*1942)

Danh Vō (*1975)

Marie Voignier (*1974)