Im Zentrum der Ausstellung steht das "Zeitkarussell", eine Installation, die mit dem Spiegelbild-Erlebnis experimentiert. Das Spiegelbild-Erlebnis betrifft das Empfinden der eigenen Identität; es führt zu der Wahrnehmung einer vergrößerten, auf die Außenwelt projizierten Identität. Spiegelerlebnisse kommen erst dann zustande, wenn ein systematischer Zusammenhang zwischen den eigenen Gedanken und Bewegungen und den Bewegungen des Spiegelbildes entsteht. Wichtig dabei ist vor allem ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen Ich-Bewegungen und Spiegelbild-Bewegungen, nur dann kann das Ich-Gefühl „in das Spiegelbild schlüpfen“. Wenn das enge zeitliche Verhältnis entfällt, bricht das Spiegelerlebnis zusammen. Dieser enge Zusammenhang zwischen den eigenen Handlungen und denen des Spiegelbildes wird im Spiegelkarussell systematisch genutzt, um Irritationen dadurch zu
erzeugen, dass das Spiegelbild nicht synchron ist. Im "Zeitkarussell" wird so eine neue Erlebnisebene bei der Begegnung mit sich selbst eröffnet. Virtuelle Spiegel projizieren dabei Videobilder, die Spiegeln ähnlich sind, jedoch das Spiegelbild auf vielfältige Weise zeitlich, räumlich und semantisch verzerrt zurückspielen. Allerdings stehen nicht räumlich-figürliche Verzerrungen im Vordergrund, wie bei einem Zerrspiegel. Stattdessen wird durch
Verzögerungen zwischen eigener Handlung und ihrer digitalen Reflexion systematisch eine Verunsicherung darüber erzeugt, ob es sich bei dem, was man sieht, um das eigene Spiegelbild handelt, um das Spiegelbild eines anderen Besuchers oder um eine Videoaufzeichnung. Ist man zeitlich nur wenig vom echten Abbild entfernt, dürfte die kaum merkliche Verzögerung toleriert werden, im Fokus steht der Umschlagpunkte, an dem die Identifikation verlorengeht. Die Teilnehmer können mit diesem Umschlagspunkt spielerisch experimentieren, und das Erlebnis des Gegenwarts-Momentes wird erweitert, indem der Akteur auf mehreren Projektionswänden, die auf ihn wie Spiegel wirken, seine unmittelbare Vergangenheit sieht. Die beengten Verhältnisse auf der Beobachtungsplattform machen eine Koordination der eigenen Bewegungen mit denen anderer Zuschauer nötig, und ermöglichen so eine Ich-Beobachtung in Verbindung mit einer sozialen Interaktion, die häufige Anpassung verlangt.
Über die Ausstellung
Ein interaktives Ausstellungsprojekt des Künstlers und Wissenschaftlers Prof. Tom Fritz unter Mitwirkung des Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik der Humboldt-Universität, Berlin, des Max-Planck Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, und des Institute for Psychoacoustics and Electronic Music, Gent/Belgien, zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum
Das Erleben von Zeit ist subjektiv. Ein kurzer Moment kann als lang und inhaltsreich erlebt werden, aber Tage können auch spurlos wie im Flug vergehen. Durch gezielte Zusammenführung von Konzepten aus Kunst und Kognitionswissenschaft untersucht diese Ausstellung Möglichkeiten, die Qualität und Dauer des gegenwärtigen Moments zu verändern.
In drei interaktiven Installationen wird den Besuchern die Gelegenheit geboten, mit Zeit und Raum zu spielen und das subjektive „Jetzt“ zu modifizieren. An diesen Installationen können jeweils mehrere Besucher den Zusammenhang zwischen körperlichen Handlungen und sinnlichen Wahrnehmungen für sich neu erlebbar machen. Auf diese Weise wird es möglich, intuitiv mit der eigenen Empfindung von Gegenwart zu experimentieren.
Seit 2008 hat die Schering Stiftung das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Handlungs-Erlebnis-Räume“ unter der Federführung von Professor Jochen Brüning am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik in der Förderung begleitet. Die Arbeit an Wahrnehmungsexperimenten ist beispielhaft für die gemeinsame Suche von Wissenschaftlern und Künstlern nach innovativen Methoden zur kognitiven Erforschung sozialer Interaktion und Synchronisation. Im von der Schering Stiftung geförderten Projekt Erkundungen des Jetzt – Exploring the Now haben ein Mathematiker, ein Kognitions-Wissenschaftler und ein Musiker gemeinsam mit einem Ingenieur neue Wege der experimentellen Ästhetik entwickelt.