Das Bild zeigt einen Ausstellungsraum. Im Hintergrund ist das große, goldene Wort „MUSEUM?“ an der Wand angebracht, das sich auf einer glänzenden Oberfläche im Vordergrund spiegelt. Rechts im Bild sind historische Objekte zu sehen, darunter ein Modell eines menschlichen Kopfes und Fotos. An der Wand steht das Wort „Versandlager“. Links sind weitere Ausstellungsstücke und Infotexte zu sehen.

VEB Museum. Das Deutsche Hygiene-Museum in der DDR

09. März 2024 - 17. November 2024

Über die Ausstellung

Einführung

In der Ausstellung VEB Museum konnten sich Besucher:innen auf eine Zeitreise in die Gesellschaft und Arbeitswelten des sozialistischen deutschen Staates begeben. Auch wenn das Deutsche Hygiene-Museum in der DDR im rechtlich-organisatorischen Sinne kein „Volkseigener Betrieb“ war, eignete es sich doch als Beispiel für eine solche Rückschau. Denn das Museum, das dem Ministerium für Gesundheitswesen der DDR unterstand, war damals viel mehr als ein klassisches Ausstellungshaus. Einerseits bestand es aus dem staatlich gelenkten Institut für Gesundheitserziehung und diente in Dresden gleichzeitig als ein äußerst populärer Veranstaltungsort. Andererseits war es mit dem Institut für biologisch-anatomische Unterrichtsmittel auch ein international aufgestellter Produktionsbetrieb, in dem rund 300 Werktätige arbeiteten.

Der Ausstellungsbesuch glich so einer etwas anderen Werksbesichtigung, in der es jedoch nicht allein um die Geschichte des Museums ging. Denn die von einer Filmausstatterin und einem Bühnenbildner inszenierte Ausstellung warf vor allem einen Blick hinter die Kulissen der DDR-Gesellschaft. Es ging dabei um die zentrale Rolle der Arbeitswelt für die Menschen und gleichzeitig um die Machtansprüche der SED, um die zunehmende Umweltverschmutzung in den 1980er-Jahren und den Protest dagegen, um die Freizeitangebote in den Wirtschaftsbetrieben, aber auch um den offiziellen und systemkritischen Kulturbetrieb. Mit anderen Worten: Um eine verschwundene Realität, die sich im Rückblick als herausfordernd, widersprüchlich und überraschend vielfältig erweisen sollte.

Diese Alltags- und Diktaturerfahrungen in der DDR stehen heute wieder im Mittelpunkt vieler gesellschaftlicher Debatten. Für alle Interessierten aus Ost und West bot die Ausstellung Anlässe zum generationsübergreifenden Austausch über das Leben im „real existierenden Sozialismus“ und über den Systemwechsel nach 1989. Zahlreiche Video-Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen innerhalb und außerhalb des Museums vermittelten individuelle Sichtweisen auf dieses wichtige Kapitel der deutschen Museums- und Zeitgeschichte.

Galerie

Zeitzeug:innen in der Ausstellung

In der Ausstellung kamen ehemalige und aktuelle Mitarbeitende des Museums aus den unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern zu Wort und schilderten ihre Erinnerungen an die DDR-Zeit und die Transformationsphase in den frühen 1990er Jahren. Darüber hinaus wurden auch Video-Interviews mit Dresnder:innen aus mirgrantischen Communities und Kulturschaffenden geführt, die über ihre Erfahrungen und Aktivitäten in der späten DDR berichteten.

Ausstellungskapitel

I. Netzwerke

Die Wanderausstellungen und Lehrmittel des Deutschen Hygiene-Museums wurden weltweit vertrieben und erwirtschafteten für die DDR Devisen in erheblicher Größenordnung. Die umfangreiche Produktpalette, die Besuche von Delegationen aus aller Welt und die Aktivitäten der „Reisekader“ des Museums werden vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Außenpolitik der DDR behandelt. Mit einem Exkurs über die internationalen Beschäftigten am Museum, Vertragsarbeiter:innen in Dresden und Studierende aus befreundeten Ländern werden ostdeutsche Migrationsgeschichten sichtbar, die bis in die Gegenwart reichen.

 

II. Macht

Die Leitungsstrukturen waren von den politischen Machtkonstellationen in der DDR geprägt. Wie groß war der Einfluss der SED? Welche Schnittstellen gab es zwischen dem Museum und dem Ministerium für Staatssicherheit? Wo verliefen Grenzen und welche Freiräume konnten genutzt werden? Am Beispiel der Umweltverschmutzung wird gezeigt, wie das DHMD Themen aus politischen Gründen fallen ließ, die dann außerhalb des Museums mit zivilgesellschaftlichem Engagement behandelt wurden. Schließlich wird auch die Improvisations- und Reparaturkultur in der DDR in den Blick genommen, mit der angesichts der verbreiteten Materialknappheit nicht nur der Betrieb des DHMD am Laufen gehalten werden konnte. Die Belegschaften verfügten durch solche Kompetenzen über eine erhebliche Machtposition jenseits des offiziellen Hierarchiegefüges.

 

III. Produktion

In dieser Abteilung werden die Produktionsbedingungen und Arbeitsabläufe in den Werkstätten und Ateliers des Museums für das Publikum lebendig. Mit welchen Ressourcen wurden hier welche Produkte entwickelt und seriell hergestellt? Was prägte die sozialistische Arbeitskultur? Welchen gesellschaftlichen Stellenwert hatte die Qualität der Produkte? Die Ausstellung erläutert Prozesse,  Materialien und Wissen der verschiedenen Gewerke und stellt einige der damaligen Beschäftigten vor. 

 

IV. Klubhaus

Größere Produktionsbetriebe der DDR verfügten über ein eigenes Veranstaltungshaus für ihre Belegschaft, deren Familien und andere Interessierte. Auch das damalige DHMD kann als ein solches „Klubhaus“ verstanden werden: In seinen Räumlichkeiten wurden nicht nur staatstragende Veranstaltungen abgehalten oder Gesundheitsaufklärungskampagnen vorgestellt, hier fanden auch unterschiedlichste kulturelle und gesellige Unternehmungen statt wie Schreibzirkel, Singeclubs oder Faschingsfeiern. Über diese Aktivitäten innerhalb des DHMD hinaus wird die offizielle, aber auch eigensinnige Klubkultur der DDR vorgestellt. Beispielhaft erinnert die Ausstellung an einige der prägenden Kulturereignisse im Dresden der 1980er Jahre.

 

EPILOG

Die Folgen der Wiedervereinigung schnitten auch tief in die Lebensläufe vieler Beschäftigten des DHMD ein. Mit der Auflösung der Produktion und Schließung verschiedener Abteilungen stand kurzzeitig sogar das Weiterbestehen des Museums in Frage. In der Zusammenarbeit erfahrener und neuer Mitarbeiter:innen konnte der Ausstellungsbereich neu ausgerichtet und die Grundlage für die erfolgreiche weitere Entwicklung des Hauses gelegt werden.

Objekte (Auswahl)

Filme (Auswahl)

Werbefilm über gesunde Ernährung

Deutscher Fernsehfunk, DHMD, 1965

Werbefilm "Erfolgserlebnisse"

Deutscher Fernsehfunk, DHMD, 1974

Pressestimmen

Grabe, wo du stehst: Das Deutsche Hygiene-Museum arbeitet seine DDR-Geschichte auf und ist damit ein praktisches Beispiel zum oft theoretischen Ost-West-Diskurs.

Stefan Locke, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Ausstellung (...) hat das Potential den deutsch-deutschen Diskurs neu anzuregen. Sie bietet die Chance manche Dinge anders einzuordnen, Vorurteile zu hinterfragen und Erinnerungen an ein untergegangenes Land neu zu bewerten.

Alexandra Gerlach, Deutschlandfunk Kultur

Die Ausstellung ermöglicht einen überraschenden neuen Blick auf die „Fürsorgediktatur“ DDR zwischen emanzipatorischem Anspruch und staatlicher Kontrolle. Und trägt in diesem Sinne womöglich zu einer nuancierteren Aufarbeitung der DDR bei.

Marlen Hobrack, Der Freitag

Das Hygiene-Museum wird als Teil der Machtstrukturen in der DDR dargestellt, in denen es mittels gesundheitlicher Aufklärung »disziplinierend in die Gesellschaft« wirkte (...). Es wird aber auch als Ort von Kreativität und handwerklichem Geschick präsentiert.

Hendrik Lasch, nd DER TAG

Das Deutsche Hygiene-Museum begibt sich mutig in seine DDR-Geschichte. Die neue Sonderschau "VEB Museum" ist wie eine Werkbesichtigung und erinnert daran, dass das Institut auch ein Exportbetrieb war.

Birgit Grimm, Sächsische Zeitung

Das Hygiene-Museum setzt erneut Maßstäbe. In "VEB Museum" geht es seiner DDR-Geschichte auf den Grund und verhandelt die Erinnerung an ein Land wieder neu.

Torsten Klaus, Dresdener Neuste Nachrichten

Projektbeteiligte

Schirmherrschaft

Carsten Schneider,
Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland

 

Kuratorinnen

Sandra Mühlenberend
Susanne Wernsing

 

Projektteam

Rebekka Rinner, kuratorisch-wissenschaftliche Projektassistenz
Si Cao, Beauftragte 360° - Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft
Thi Nga Nguyen, Werkstudentin
Friederike Kantzenbach, Praktikantin

 

Ausstellungsgestaltung

Susanne Hopf, Szenenbildnerin
Mathis Neidhardt, Bühnenbildner

 

Installation Machtraum

Michael Birn, Bildender Künstler und Szenograf

 

Künstlerische Arbeiten u. a. von:

Andreas Borchert, Mahmoud Dabdoub, Ingrid Griebel-Zietlow, Harald Hauswald, Thomas Heise, Martin Hoffmann, Eva Schulze-Knabe, Künstlergruppe Erfurt, Simon Menner, Willi Neubert, Alexander Neumann, Yael Reuveny, Andreas Rost, Ilse Ruppert, Annette Schröter, Maria Sewcz, Willi Sitte, Hartmut Staake, Jenny Wiegmann-Mucchi, Jürgen Wittdorf

Gefördert von