Eine junge Frau und ein junger Mann stehen unter den Lichtkegeln, die den dunklen Raum durchfluten, und schauen in Tänzerpose nach oben, in die Richtung des Lichts.

Von Genen und Menschen Wer wir sind und werden könnten

11. Feb 2023 - 10. Sep 2023

Über die Ausstellung

Kuratorin und Pojektleiterin: Dr. Viktoria Krason, DHMD
Kuratorisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin: Nele-Hendrikje Lehmann
Projektassistenz: Bettina Beer
Gestalter: Jan Pappelbaum, Berlin


Mit den Erkenntnissen der modernen Genetik scheint die Möglichkeit, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, in greifbare Nähe gerückt zu sein. Welche individuellen und weltweiten Auswirkungen könnte ein noch besseres Verständnis unserer Erbinformationen - der DNA - also schon bald nach sich ziehen? Ließen sich tödliche Krankheiten heilen und Epidemien verhindern? Wäre die Ernährung der Weltbevölkerung garantiert und das Schicksal der eigenen Nachkommen gesichert? Handelt es sich bei solchen Visionen lediglich um wissenschaftsgläubige Heilsversprechungen oder um konkrete Anwendungsfälle einer praktisch werdenden Wissenschaft?

Das DHMD möchte mit seiner kommenden Sonderausstellung die notwendige Diskussion über Chancen und Risiken von Gentechnologien in die breite Öffentlichkeit tragen. Sie wird ebenso informativ wie kritisch zeigen, wie die aktuelle Genforschung ihre Wirkung bereits heute entfaltet – bis hinein in kulturelle, soziale und politische Zusammenhänge. Um dem Publikum die Vielschichtigkeit der Thematik auf mehreren Ebenen näher zu bringen, wird die Ausstellung natur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auch mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen in Verbindung setzen.
Die Genetik hat in den letzten Jahrzehnten eine Art Zeitenwende vollzogen: Einerseits hat das Humangenomprojekt gezeigt, dass der „Code of Life“ noch weitaus komplexer ist, als bisher angenommen; andererseits ermöglichen neue Techniken wie die Genschere CRISPR/Cas schon heute genaue und kostengünstige Eingriffe in die DNA. Damit werden neue Therapien etwa gegen AIDS oder Krebs möglich, aber auch die zielgerichtete Züchtung von Tieren und Nutzpflanzen, wie sie durch den Klimawandel notwendig werden. Diese realen Möglichkeiten verschärfen die aktuellen Debatten über folgenschwere Eingriffe in das Leben, die von Euphorie, aber auch von Skepsis und vehementer Ablehnung geprägten sind.

Im Zentrum all dieser Diskussionen um die Genetik stehen die Vorstellungen von Herkunft, Identität, Gesundheit und Natur - vier Grundpfeiler des Menschseins, nach denen die Ausstellung gegliedert sein wird. Wie verhalten sich biologische Grundlagen zu ihren sozialen und kulturellen Voraussetzungen? Nach welchen Kriterien gewichten wir zwischen angeborenen Anlagen und Umwelteinflüssen? Wie verändern sich unsere Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, von Natürlichkeit und Künstlichkeit? Welche Handlungsmöglichkeiten und -zwänge bringt das neue Wissen für das Individuum und für die globale Gemeinschaft mit sich?

Die Debatten um das technisch Machbare und ethisch Gebotene werden in der Ausstellung disziplinübergreifend dargestellt und auch in ihrer interkulturellen Dimension entwickelt. Darüber hinaus verdeutlichen historische Rückblicke, welche Gefahren die Instrumentali¬sierung der Genforschung für rassistische und eugenische Ideologien mit sich bringt. In der Ausstellung werden visuelle, räumliche und narrative Strukturen entstehen, durch die den Besucher:innen kognitive und emotionale Zugänge zum Thema Genetik ermöglicht werden. Im Zusammenspiel mit interaktiven Wissensmodulen werden die Exponate aus Alltag und Wissenschaft dem Publikum unterschiedliche Erlebnisse einer analogen und digitalen Kommunikation bieten. So können sich die Besucher:innen nicht nur auf die Spur der aktuellen Genforschung begeben, sondern zugleich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie wir das Leben selbst gestalten wollen.
 

Begleitbuch

Von Genen und Menschen. Wer wir sind und werden könnten

Herausgegeben für das Deutsche Hygiene-Museum Dresden von Viktoria Krason und Nele-Hendrikje Lehmann

Wallstein Verlag, Göttingen 2023

Auch der Begleitband geht der Frage nach, welchen Einfluss die Genetik auf vier Grundpfeiler der menschlichen Existenz hat: auf Herkunft, Identität, Gesundheit und Natur. Das Buch beleuchtet, wie genetische Forschungen unsere Vorstellungen prägen: von menschlicher Vielfalt und ihrer Entstehung, von der Freiheit zur individuellen Lebensgestaltung und der Position des Menschen in der Natur, mit der er lebt. Diskursiv und informativ bietet es einen Einblick in Genforschung und ihre gesellschaftspolitischen Effekte, wobei es Perspektiven aus Kunst, Natur- und Geisteswissenschaften miteinander verbindet.

Der reich bebilderte Band versammelt Essays, literarische Beiträge und Interviews, von und mit: Peter Berz, Frank Buchholz, Sheree Domingo, Constantin Goschler, Donna Haraway, Johannes Krause, Christian Kosmas Mayer, Thomas Lemke, Kerstin Palm, Tino Plümecke, Gudrun Rappold, Christoph Rehmann-Sutter, Hans-Jörg Rheinberger, Volker Roelcke, Christina Schües, Christian Schwarke, Mihai Surdu, Szczepan Twardoch, Joanna Wuest, Juli Zeh und anderen.

Förderer