Gläserne Frau zurück in der Dauerausstellung

Eine Klimavitrine sichert den langfristigen Erhalt

Gläserne Frau zurück in der Dauerausstellung

Ausstellungstechniker Kay Jansen und Restaurator Jakob Fuchs beförderten  
die Gläserne Frau sicher in die neue Klimavitrine. Foto: Oliver Killig

Eine Klimavitrine sichert den langfristigen Erhalt

Die im Deutschen Hygiene-Museum erfundenen und hergestellten Gläsernen Figu-ren sind seit den 1930er Jahren weltweit zu Ikonen für die Verbindung von Wissen-schaft und Ausstellungskultur geworden. Um Erkenntnisse für ihren langfristigen Er-halt zu gewinnen, hat das Hygiene-Museum zwischen 2016 und 2022 mit Part¬ner¬¬-institutionen ein Projekt durchgeführt, in dem diese wertvollen anatomischen Modelle erforscht und Maßnahmen zu ihrer präventiven Konservierung entwickelt worden sind. 
Die „Gläsernen Figuren“ bestehen nicht aus Glas, sondern aus dem Kunststoff Cel-luloseacetat, der im frühen 20. Jahrhundert als innovatives Material galt, inzwischen jedoch erhebliche Alterungsschäden aufweist. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden diese objektgefährdenden Prozesse umfassend naturwissenschaftlich unter-sucht. Das Forschungsteam entwickelte ein tragfähiges präventives Konservie-rungskonzept, das auch anderen Museen als Grundlage für den Erhalt von Objekten aus Celluloseacetat - wie z.B. Brillen, Kunstwerke oder auch Moulagen - dienen kann. Empfohlen werden für die Präsentation und Aufbewahrung eine Temperatur von 15–18° C und eine relative Luftfeuchtigkeit von 30–35% rF. Diese Klimawerte sind weder in den Ausstellungsräumen des Museums, noch durchgängig im Samm-lungsdepot zur realisieren, nicht zuletzt auch deswegen, weil damit andere Objekte beschädigt würden.
Aus diesem Grund sind die am meisten gefährdeten Objekte aus der Dauerausstel-lung entnommen worden, die Gläserne Kuh von 1982/83 bereits 2020 und die histori-sche Gläserne Frau dann 2022. Für die Gläserne Frau wurde in einem aufwändigen Pilotprojekt eine eigene Klimavitrine in die bestehende Ausstellungsarchitektur ein-gebaut. In dieser Maßanfertigung können nun die optimalen Bedingungen für den langfristigen Erhalt des Celluloseacetat-Objekts gewährleistet werden. Für die Lage-rung der weiteren Ganzfiguren aus dem Konvolut „Gläserne Figuren“, die nicht in ei-ner Ausstellung des Hygiene-Museums gezeigt werden, ist parallel dazu eine große Klimazelle von etwa 20 m² entstanden. Auch dieser Spezialbereich des Samm-lungsdepots bietet nun dauerhaft die optimalen Klimabedingungen.

Fakten zur Klimavitrine
Bei der Klimavitrine handelt es sich um einen eigens für die vorgefundene Situation in der Dauerausstellung geschaffenen Prototypen mit einem Raumvolumen von ca. 4 m3. 
Die in der Vitrine angestrebten Klimawerte von 15-18° C und einer relativen Luft-feuchtigkeit von 30-35% rF unterscheiden sich erheblich von denen in der umgeben-den Dauerausstellung; in den Sommermonaten beträgt die Temperaturdifferenz bei-spielsweise 5-7° C, die relative Luftfeuchtigkeit weicht um 20-25% ab. Die Schwan-kungen in der Vitrine sind dagegen minimal und liegen zwischen 0,1-0,3° C und 0,2-0,4% rF.
Physikalisch bedingt steigt die relative Luftfeuchtigkeit bei sinkenden Temperaturen eigentlich an – in der Klimavitrine muss diesem Prozess technisch entgegengewirkt werden. Um das zu erreichen, sind eine große Dichtigkeit der Vitrine, eine exakte Regeltechnik für Temperatur und Luftfeuchtigkeit sowie ausreichend große Kühl- und Entfeuchtungsgeräte erforderlich. Eine daraus resultierende Herausforderung be-stand darin, Erschütterungen und Vibrationen innerhalt und störende Geräusche au-ßerhalb der Vitrine zu vermeiden. 
Bedingt durch die Temperaturdifferenz zwischen innen und außen musste die ca. 5 m2 große Scheibe der Vitrine in Doppelverglasung angefertigt werden, um ein Be-schlagen zu verhindern. Das Gewicht der Scheibe erhöhte sich dadurch jedoch auf fast 200 kg.
Schließlich war noch eine letzte Schwierigkeit zu überwinden: Die Essigsäure, die aus dem Celluloseacetat und dem Wassergehalt der Luft entsteht, musste aus der Vitri-ne abgeführt werden. Dies erfolgt über einen Aktivkohlefilter, durch den die Vitrinen-luft permanent hindurchgeleitet wird.

Fakten zur Klimazelle
Das Volumen der Klimazelle im Sammlungsdepot beträgt ca. 50 m³. Dort befinden sich aktuell folgende Figuren:
Gläserner Mann aus Celluloseacetat, 1935 (DHMD 2011/38)
Gläserner Mann aus Celluloseacetat, 1962/63 (DHMD 1994/520.1)
Gläserne Kuh aus Celluloseacetat, 1982/83 (DHMD 2001/89)
Gläserner Mann aus Celluloseacetatbutyrat, 1992 (DHMD 2020/611); diese Figur ist momentan zu sehen in der Ausstellung „X-Ray. Die Macht des Röntgenblicks“, Völ-klinger Hütte (https://voelklinger-huette.org/public/de/ausstellungen/-/x-ray-die-macht-des-roentgenblicks/809) 
Gläserner Mann aus Celluloseacetatbutyrat, 1995 (DHMD 2020/612)6)
Gläserne Frau aus Celluloseacetatbutyrat, 2000 (DHMD 2020/585)


Die historische Gläserne Frau von 1935/36
Die erste durchsichtige Figur des Deutschen Hygiene-Museums war der Gläserne Mann, der 1930 bei der Einweihung des neu errichteten Museumsgebäudes präsen-tiert wurde und seinerzeit als eine Weltsensation galt. Diese Figur ist bei der Kriegs-zerstörung des Museumsgebäudes 1945 vernichtet worden.
Die historische Gläserne Frau, die jetzt wieder in der Dauerausstellung zu sehen ist, entstand als Auftragsproduktion in den Jahren 1935/36 für den US-amerikanischen Textilfabrikanten Samuel H. Camp. Die Figur wurde in zahlreichen Gesundheitsaus-stellungen und -museen in den USA präsentiert. 1988 schenkte das Science Center in St. Louis die Gläserne Frau dem neu gegründeten Deutschen Historischen Muse-um in Berlin. 1990 kehrte sie zurück ins Hygiene-Museum, wo sie eines der zentralen Exponate der Ausstellung „Leibesvisitation. Blicke auf den Körper in fünf Jahrhunder-ten“ war, die in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Museum gezeigt wur-de. Aufgrund ihres fragilen Zustands ist sie seither als Dauerleihgabe in der Obhut der Sammlung des Hygiene-Museums geblieben. 
Weitere Informationen im Aufsatz „Gläserne Frau von 1935/36“ aus der Publikation Gläserne Figuren. Objekte aus Kunststoff erforschen und erhalten (Sandstein Verlag, 2022), siehe Anlage.

Förderer
Die Entwicklung der Klimavitrine wurde von der Sächsischen Landesstelle für Mu-seumswesen, dem Freundeskreis Deutsches Hygiene-Museums e.V. und von engagierten Besucher:innen im Rahmen einer Crowdfunding-Aktion gefördert; diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsi-schen Landtag beschlossenen Haushaltes.
Das Forschungsprojekt „Gläserne Figuren: Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts Ein interdisziplinäres Forschungskolleg zur langfristigen Bewahrung von Objekten aus Kunststoff“ wurde gefördert durch die VolkswagenStiftung.