Die künstlerische Laufbahn Gerhard Richters (*1932) begann an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Bereits während seiner Ausbildung erhielt der talentierte Student von seinem Lehrer Heinz Lohmar (1900 – 1976) besondere Förderung. Nach dem Studium und während seiner Aspirantenzeit konnte Richter in Dresden einige Aufträge für Wandmalereien ausführen.
1956 ermöglichten es die Feierlichkeiten zum 750. Stadtjubiläum Dresdens dem Deutschen Hygiene-Museum, eine Reihe von Räumen zu renovieren und neu zu gestalten, die teilweise noch immer von Kriegszerstörungen gezeichnet waren. In diesem Zusammenhang entschieden das Museum und die Kunsthochschule, dass Gerhard Richter als Diplomprüfung ein Wandbild im Treppenhaus-Foyer Süd ausführen sollte. Das Gemälde mit dem Titel „Lebensfreude“ erstreckte sich auf einer Fläche von ca. 60 Quadratmetern über die gesamte Wand.
Für sein monumentales Wandbild entwarf Richter eine Art Sommeridyll, in dem die Hoffnung auf eine glückliche und friedliche Zukunft in der jungen sozialistischen Gesellschaft zum Ausdruck kam. Gleichzeitig zitiert er mit seinen angedeuteten Landschaften und Figurenszenen aber auch Motive aus dem Bilderkosmos der europäischen Kunstgeschichte, mit dem er durch sein Studium vertraut war. Schon das junge Paar ganz links erinnert an traditionelle Darstellungen von Adam und Eva im Paradiesgarten. Die zentrale Badeszene, die 2023/25 teilweise wieder freigelegt wurde, bezieht sich deutlich auf Sandro Botticellis Geburt der Venus. Der männliche Rückenakt in dieser Szene verweist in seiner feinen Technik auf die fundierte Ausbildung, die Richter an der Dresdner Akademie erfahren hat. Unterhalb der Badeszene platzierte er eine Gruppe von vier Tanzenden, die Ähnlichkeiten mit den Gemälden Tanz oder La Bonheur de Vivre von Henri Matisse aufweisen. Als weiteres kunsthistorisches Zitat lässt sich die Gruppe von drei im Gras sitzenden Jugendlichen lesen – hier setzt sich Richter erkennbar mit dem Frühstück im Grünen von Édouard Manet auseinander. Das Elternpaar mit Kind ganz rechts oben erinnert an christliche Darstellungen der Heiligen Familie, die hier jedoch mit den Motiven von Traktor und Fabrikschornstein in die Gegenwart überführt wird. Und die Taube verweist nicht mehr auf den Heiligen Geist, sondern nimmt Bezug auf Pablo Picassos Friedenstaube, für die der Künstler 1955 den Weltfriedenspreis erhielt (Ausführliche kunsthistorische Analysen finden sich in den Texten von Kerstin Küster und Sandra Mühlenberend in der Publikation Gerhard Richter „Lebensfreude“, 1956. Teilfreilegung eines verschwundenen Wandbildes, Deutsches Hygiene-Museum, 2025).