Verlegung der Stolpersteine im Gedenken an ehemalige juedische Mitarbeiter von Deutsches Hygiene-Museum in Dresden am 29.09.2026 vorm DHMD . Foto: Oliver Killig

Stolpersteine erinnern an jüdische Mitarbeitende

Am 29. September 2026 wurden vor dem Deutschen Hygiene-Museum sieben Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die zahlreichen Mitarbeitenden und Vorstände, die 1933 entlassen und aus ihren Ämtern gedrängt wurden, weil sie von den Nationalsozialisten als jüdisch stigmatisiert wurden. Unter ihnen sind die Medizinerin und Wissenschaftliche Geschäftsführerin der II. Internationalen Hygiene-Ausstellung Marta Fraenkel und der Verleger und Förderer des Museums Julius Ferdinand Wollf.  

Erstmals in Dresden wurde vor dem DHMD auch ein Kopfstein verlegt, der an das Schicksal dieser Menschen erinnert und auf die Rolle des Museums als Instrument der rassistischen Politik während der NS-Diktatur hinweist.  

Gedenkfeier am 7. Oktober

Am Mittwoch, 7. Oktober 2026, werden um 14 Uhr an der Tischerstr. 5 drei weitere Stolpersteine für die Familie Rosenberger verlegt. Die Eltern Hermann und Lina sowie ihr Sohn Philipp wurden in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet. Um 19:30 Uhr findet die öffentliche Gedenkfeier des Vereins Stolpersteine für Dresden im Marta-Fraenkel-Saal des Deutschen Hygiene-Museums Dresden statt. Kulturbürgermeisterin und Stiftungsratsvorsitzende des Museums Annekatrin Klepsch und Nachfahren der NS-Opfer aus aller Welt werden zu dieser Gelegenheit sprechen. Die Feierstunde ist öffentlich, der Eintritt frei.

Verlegung der Stolpersteine im Gedenken an ehemalige juedische Mitarbeiter von Deutsches Hygiene-Museum in Dresden am 29.09.2026 vorm DHMD . Foto: Oliver Killig
Verlegung der Stolpersteine im Gedenken an ehemalige juedische Mitarbeiter von Deutsches Hygiene-Museum in Dresden am 29.09.2026 vorm DHMD . Foto: Oliver Killig
Verlegung der Stolpersteine im Gedenken an ehemalige juedische Mitarbeiter von Deutsches Hygiene-Museum in Dresden am 29.09.2026 vorm DHMD . Foto: Oliver Killig

Die Stolpersteine erinnern an:

DR. MARTA FRAENKEL

DIREKTORIN DES

FRAUENREFERATS

JG. 1896

FLUCHT 1935 

BELGIEN

1938 USA

Marta Fraenkel wurde am 19. Dezember 1896 in Köln geboren, als Tochter des Kaufmanns Georg Fraenkel und seiner Frau Therese. Die jüdische Familie war liberal. Früh erlebte Marta schwere Verluste: 1909 starben ihr älterer Bruder Maximilian und ihr Vater, 1915 auch die Mutter. Mit ihrem Bruder Ernst zog sie daraufhin nach Frankfurt am Main, zu ihrem Onkel, dem bekannten Physiker Josef Epstein. Die Familie hatte keine Bindung mehr an die jüdische Gemeinde.

Nach dem Abitur studierte Marta Medizin in Frankfurt und Bonn. 1923 wurde sie promoviert und erhielt die Approbation.

1924 lernte sie auf einem Kongress in Innsbruck den bekannten Kinderarzt und Sozialhygieniker Arthur Schloßmann kennen. Er holte sie nach Düsseldorf, um die große Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen, kurz GeSoLei, vorzubereiten. 1925 wurde Marta Fraenkel zur Generalsekretärin ernannt. In dieser Rolle gestaltete sie die Ausstellung hauptverantwortlich mit und erstellte die Ausstellungskataloge. 1928 wechselte sie an das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden, um die II. Internationale Hygiene-Ausstellung vorzubereiten. 1929 wurde sie zur wissenschaftlichen Generalsekretärin berufen und gestaltete unter anderem die Ausstellungsbereiche „Das Krankenhaus“, „Die Frau in Familie und Beruf“ sowie „Arbeits- und Gewerbehygiene“ mit. 1931 wurde sie zur Direktorin des Frauenreferats ernannt und kuratierte verschiedene Ausstellungen.

Marta Fraenkel war eng mit Julius Ferdinand Wollf und seiner Frau befreundet. Über sie lernte sie Theodor Schulze kennen, Wollfs Stellvertreter bei den Dresdner Neuesten Nachrichten. 1931 heirateten die beiden.

1933 wurde Marta Fraenkel vom Hygienemuseum entlassen, sie verlor damit sämtliche Funktionen und ihre Bezüge. Im Januar 1935 ging sie nach Brüssel und arbeitete dort für die „Ligue Nationale Belge Contre le Cancer“. Im selben Jahr ließ sich Theodor Schulze vermutlich aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen von ihr scheiden.

Von ihrem Gehalt in Brüssel konnte Marta Fraenkel kaum leben, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekam sie nicht. 1938 wanderte sie in die USA aus. In New York fand sie eine Stelle beim Welfare Council. 1944 wurde sie medizinische Beraterin der US-Regierung in Washington. Ab 1949 arbeitete sie wieder in New York im öffentlichen Gesundheitsdienst, bis zu ihrer Pensionierung 1965.  

Ihr Bruder Ernst kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück und wurde ein angesehener Völkerrechtler. Marta besuchte ihn mehrfach in Berlin, zurückkehren wollte sie aber nicht. Nach Dresden kam sie nie wieder. Marta Fraenkel starb am 9. August 1976 in New York City.

PROF. DR. EUGEN EMANUEL GALEWSKY

VORSTAND

WISSENSCHAFTLICHER BEIRAT

JG. 1864

GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET

TOT 15.2.1935

Eugen Emanuel Galewsky wurde am 6. Februar 1864 in Breslau in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Sein Vater Louis (1819-1895) betrieb eine Likörfabrik, seine Mutter Caroline (1834-1889) war eine geborene Juliusberg. Er hatte drei Halbgeschwister und einen Bruder.

Eugen studierte Medizin in Breslau und Freiburg und promovierte 1887. 1891 kam er nach Dresden und wurde einer der bedeutendsten Dermatologen der Stadt. Er war Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und Vorsitzender der Landesgruppe Sachsen.

Seit 1902 verband ihn eine enge Freundschaft mit Karl August Lingner. Galewsky begründete eine umfangreiche Moulagensammlung und übernahm später die wissenschaftliche Überprüfung der Moulagenproduktion am Deutschen Hygiene-Museum. Bereits an der I. Hygiene-Ausstellung 1911 in Dresden war er wesentlich beteiligt und richtete mit einem Kollegen einen Sonderpavillon zum Thema Geschlechtskrankheiten ein. Er unterstützte den Bau eines Deutschen Hygiene-Museums und war bei dessen Eröffnung 1930 dabei.

1912 wurde er zum Professor ernannt. 1916 gelang es ihm, über seinen bei den Bayer-Werken tätigen Bruder Dithranol zur Behandlung der Schuppenflechte einzuführen – ein Mittel, das heute noch gebräuchlich ist. Als Regierungskommissar war er wesentlich an der Erarbeitung des Gesetzes zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten beteiligt, das 1927 verabschiedet wurde.

Im Verein für das Deutschen Hygiene-Museum Dresden bekleidete er mehrere Posten: Vorstandsmitglied seit 1923, Vorstandsrat, Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss und im Wissenschaftlichen Beirat. Zur II. Internationalen Hygieneausstellung 1930 war er Mitglied im Präsidium und im Wissenschaftlichen Ausschuss, Vorsitzender eines Gruppenausschusses und verantwortlich für die Schausammlung Geschlechtskrankheiten.

Er war als Kunstliebhaber bekannt und geschätzt.

1933 wurde er, wie alle anderen Mitglieder jüdischer Herkunft auch, zum Rücktritt aus dem Vorstand des DHMD gezwungen und verlor sämtliche Ämter – er durfte das Museum nicht einmal mehr betreten. Er wurde gesellschaftlich geächtet und starb am 15. Februar 1935 an Herzversagen, was von Zeitgenossen allerdings als Suizid gedeutet wurde.

DR. OTTO NEUSTÄTTER

VORSTANDSRAT

JG. 1871

FLUCHT 1937 USA

TOT 23.9.1943

Otto Neustätter wurde am 29. Juli 1871 in München geboren. Seine Familie war jüdisch. Der promovierte Arzt wurde Ophthalmologe und führte bis 1909 eine Augenarztpraxis in München. Sein Interesse galt zudem der Hygiene und der Medizingeschichte. So wurde Karl August Lingner auf ihn aufmerksam und gewann ihn zur Vorbereitung einer großen Ausstellung in Dresden. Otto Neustätter widmete sich dieser Aufgabe mit vollem Einsatz und gab dafür seine Praxis in München auf. Die I. Internationale Hygieneausstellung 1911 in Dresden wurde ein großer Erfolg. Neustätter trug als Abteilungsvorstand wesentlich dazu bei. 1912 wurde Neustätter Direktor der Historischen Abteilung des Deutschen Hygiene-Museums. Otto Neustätter wurde Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat und 1916 im Verwaltungsrat der Lingner-Stiftung. Im selben Jahr schrieb er einen Nachruf auf Lingner, mit dem er bis zu dessen Tod engen Kontakt gehabt hatte. Otto Neustätter baute darüber hinaus eine Ersatzmittelsammlung auf. Sie wurde erstmalig 1926 auf der GESOLEI in Düsseldorf gezeigt, der damals größten deutschen Gesundheitsausstellung. Otto Neustätter leitete dort die Geschäftsstelle für historische Fragen und baute den Sonderpavillon der Juden auf. Bereits 1923 hatte er den Weltverbands OSE zur hygienischen Aufklärung der Judenmit begründet.  Außerdem gab er den „Gesundheitsboten" heraus, einen illustrierten Wandkalender zur Gesundheitsaufklärung.

Von 1921 bis 1923 war er Generalsekretär des Reichsausschusses und des Sächsischen Landesausschusses für hygienische Volksbildung. 1930 wurde er Mitglied im Senat (Vorstandsrat) des Deutschen Hygienemuseums und 1931 im Preußischen Landesgesundheitsrat. Bei der II. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930 gehörte er dem Ehrenausschuss an und leitete die Gruppe „Aberglauben und Gesundheit“.

Otto Neustätter war verheiratet mit Lilian Neustätter, einer Australierin. In den ersten Dresdner Jahren wohnten sie mit dem gemeinsamen Sohn Walter in Hellerau. Später trennte sich das Ehepaar. Otto heiratete 1925 erneut. Mit Helen geb. Rieser aus New York bekam er eine Tochter, Esther Beatrice.

1933 wurde Otto Neustätter wegen seiner jüdischen Abstammung all seiner Ämter und Funktionen enthoben. 1937 emigrierte ermit seiner Familie in die U.S.A. nach Baltimore, wo er an der John Hopkins University arbeitete.

Am 23. September 1943 starb Otto Neustätter in Baltimore. Erwurde auf dem Hebrew Orthodox Memorial Cemetery begraben

DR. FELIX POPPER

GESCHÄFTSFÜHRENDER VORSTAND

JG. 1858

GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET

TOT 28.8.1937

Felix Popper wurde als zweiter Sohn des Bankiers Nathan Popper und seiner Ehefrau Bertha am 19. Juni 1858 in Dresden geboren. Sein älterer Bruder Richard starb bereits mit 25 Jahren in Görlitz und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Dresden begraben.

Felix Popper studierte Jura und wurde 1887 in das Anwaltsregister Dresden eingetragen. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Juristen Dresdens. Neben seiner Anstellung im Justizministerium als Oberjustizrat war er als freier Anwalt und Notar tätig. Seine Kanzlei befand sich in der Marschallstraße 3, dem heutigen Rathenauplatz. Zudem führte der promovierte Jurist die Aufsichtsräte mehrerer Unternehmen an: bei den Lingner-Werken in Dresden sowie überregional in Kulmbach, Zittau, Köthen, Grimma, Leipzig, Zwickau und Breslau.

Sein Engagement galt vor allem dem Deutschen Hygiene-Museum, dessen Entwicklung er maßgeblich mitprägte. Er war ein enger Freund und langjähriger Vertrauter des Gründers Karl August Lingner, für den er als persönlicher Anwalt und einer der beiden Testamentsvollstrecker tätig war. Als Gründungsmitglied und Stellvertreter Lingners saß er im Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft für hygienischen Lehrbedarf, dem Lehrmittelbetrieb des Hygiene-Museums, und wurde nach Lingners Tod einer der drei geschäftsführenden Vorstände sowie Justiziar des Vereins.

1888 heiratete Felix Popper Paula Weleminsky, Tochter einer böhmischen Arztfamilie.  Das Paar wohnte in der Kaitzer Straße 11 und hatte zwei Kinder, Anna, geboren 1893, und Friedrich, geboren 1894. Friedrich fiel im 1. Weltkrieg 1918 im serbischen Razany.

Infolge der nationalsozialistischen Gesetzgebung nach 1933 wurde Felix Popper aus sämtlichen Ämtern gedrängt – der gesamte Vorstand des Deutschen Hygiene-Museums trat zurück.  Mit dem Abschluss der museumsinternen „Gleichschaltung“ verlor er schließlich auch seine Position im Lehrmittelbetrieb.

Die Gestapo leitete ein Entmündigungsverfahren gegen ihn ein, obwohl er bereits ein Visum für Südamerika besaß. Zugleich wurde ein längst verjährtes Ehrengerichtsverfahren neu aufgerollt – darin zeigte sich Popper als schlüssig argumentierender, voll geschäftsfähiger Jurist. Er soll noch am 22. Juli 1937 als Prozessbevollmächtigter tätig gewesen sein.

Bereits seit Anfang 1937 litt Felix Popper an einem Gefäßleiden, im August erlitt er einen Schlaganfall mit Halbseitenlähmung. Er verstarb am 28. August 1937, fast zehn Monate nach seiner Ehefrau. Seine Urne wurde auf seinen Wunsch hin nahe am Grab seiner Mutter auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt.

DR. WALTER WEISBACH

DIREKTOR HYGIENE-AKADEMIE

JG. 1889

FLUCHT 1933 HOLLAND

1942 INTERNIERT WESTERBORK

DEPORTIERT 1944 THERESIENSTADT

BEFREIT

Walter Weisbach wurde am 29. September 1889 in Berlin geboren. Die jüdische Familie konvertierte zum Christentum. Sein Vater Max Weisbach war als Makler an der Berliner Börse tätig, seine Mutter Rosa Falkenheim Tochter eines Rabbiners aus Liegnitz. Walter wuchs in engem Kontakt mit der Berliner Kunstwelt auf. Sein Onkel Valentin war Börsenmakler, Sozialreformer und Kunstmäzen, sein Cousin Werner außerordentlicher Professor für Kunstgeschichte in Berlin.

Nach dem Abitur 1908 studierte Walter Medizin in Freiburg und Berlin und schloss später ein Studium der Nationalökonomie an. Ab 1914 arbeitete er am Hygienischen Institut der Universität Freiburg. Während des I. Weltkriegs war er als Truppenarzt tätig und erhielt 1915 das Eiserne Kreuz 2. Klasse. 1918 wurde er Assistent am Pathologisch-Anatomischen Institut des Krankenhauses Berlin-Charlottenburg. 1920 wechselte er an die Universität Halle-Wittenberg. Dort habilitierte er sich für Hygiene, soziale Hygiene, Immunitätslehre und Bakteriologie und leitete zugleich die Staatliche Desinfektorenschule.

Seit 1920 war Walter Weisbach mit Irma-Marie Junk verheiratet. Ein Jahr später wurde Tochter Ingeborg geboren.

1925 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Im selben Jahr wurde er zum Wissenschaftlichen Direktor des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden gewählt. 1926 wurde er zum Direktor der Hygiene-Akademie ernannt. 

1933 entließ ihn das Deutsche Hygiene-Museum aufgrund seiner jüdischen Herkunft.  Auf Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurden ihm im August 1933 zudem seine Lehraufträge entzogen. Als Weltkriegsteilnehmer blieb er dank einer Ausnahmeregelung noch bis 1936 Universitätsmitglied.

Gleich nach der Kündigung emigrierte Weisbach mit Frau und Tochter in die Niederlande. In Utrecht baute er für das Grüne Kreuz ein Museum auf, erhielt dafür aber nur eine Aufwandsentschädigung, seine Pensionsansprüche aus Halle blieben ihm verwehrt.  

Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurde er 1942 in das KZ-Sammellager Westerbork gebracht und 1944 von dort zusammen mit seiner Frau in das Ghetto und Durchgangslager Theresienstadt deportiert. Nach Kriegsende kehrte das Ehepaar in die Niederlande zurück, wo er den Verlag seines Schwiegervaters weiterführte und naturwissenschaftliche Fachbücher publizierte.

Walter Weisbach starb 1962 in Den Haag.

JULIUS FERDINAND WOLLF

VORSTAND

JG. 1871

GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET

FLUCHT IN DEN TOD

27.2.1942

Julius Ferdinand Wollf wurde am 22. Mai 1871 als erstes von fünf Kindern in Koblenz in eine streng gläubige jüdische Familie geboren. Sein Großvater war Kantor der jüdischen Gemeinde. Julius selbst konvertierte später zum Christentum. Er studierte nach seinem Schulabschluss Philosophie, Geschichte, Volkswirtschaft sowie Kunst- und Literaturgeschichte. Anschließend arbeitete er zunächst als Dramaturg in Karlsruhe. 1899 wechselte er nach München zur „Münchner Zeitung“ des Verlegers August Huck. Schon 1903 schickte Huck ihn nach Dresden. Dort wurde Wollf Geschäftsleiter des Verlags, der die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ herausgab. Bald übernahm der begabte Theaterkritiker auch die Chefredaktion. Fast 30 Jahre leitete Julius Ferdinand Wollf die Geschicke der Zeitung und wurde ein angesehener Bürger Dresdens. 1916 verlieh ihm der sächsische König Friedrich August III. den Professorentitel. 1918 erhielt er das Sächsische Kriegsverdienstkreuz. Wollf wurde Vizechef im Verein Deutscher Zeitungsverleger und 1928 Mitbegründer des Rotary-Clubs. Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählten Karl August Lingner und Gustav Stresemann.

Auch an der I. Internationale Hygiene-Ausstellung von 1911 und der Gründung des Deutschen Hygiene-Museums 1912 war er maßgeblich beteiligt. Nach Lingners Tod 1916 wurde er einer der Testamentsvollstrecker und kümmerte sich vor allem um dessen Idee der medizinischen Aufklärung.  Ab 1921 gab er eine Beilage für Natur und Gesundheit heraus, die erste ihrer Art in einer deutschen Tageszeitung, und ließ darin nur medizinische Fachleute zu Wort kommen.

Zur II. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1930 war er im Vorstand und wurde später zum Vorstandsrat des Deutschen Hygiene-Museums ernannt.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 geriet Wolff rasch ins Visier der neuen Machthaber, denn für sie blieb Wolff trotz seiner Konversion Jude. Nach fast 30-jähriger Arbeit wurde er 1933 bei den Dresdner Neuesten Nachrichten gekündigt. Von da an war das Ehepaar Wollf zunehmenden Schikanen ausgesetzt. Im Mai 1933 entfernte man ihn aus dem Vorstand des Deutschen Hygiene-Museums, der damals geschlossen zurücktrat. Er erkrankte schwer und verlor sein Augenlicht. Seine Konten wurden eingefroren und seine Villa zum Judenhaus erklärt. 1942 überfielen SS-Schergen das Ehepaar wochenlang in ihrer eigenen Wohnung und bewarfen sie mit Meißner Porzellan und Antiquitäten aus ihrer eigenen Sammlung. Das Ehepaar entschied sich schließlich für den Freitod. Wollf starb am 27. Februar 1942, seine Frau einen Tag später in einem Krankenhaus. Beide wurden auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in der Fiedlerstraße beigesetzt.
 

Ein weiterer Stolperstein auf dem Museumsvorplatz erinnert an:

RICHARD LOMMATZSCH

BILDHAUER

JG. 1880

POLIZEIVERHÖR 11.11.1933

GESTAPOHAFT DEZ. 1943

TOT AN HAFTFOLGEN  
2.10.1944

Alfred Richard Lommatzsch wurde am 5. August 1880 in Trachau geboren. Sein Vater Friedrich Wilhelm Lommatzsch war Stellmachermeister und hatte mit seiner Frau Amalie Therese keine weiteren Kinder. Die Familie zog später nach Dresden. Richard lernte den Beruf des Gipsbildhauers.

1904 heiratete er Ida Kamilla Franz. Im gleichen Jahr bekamen sie die gemeinsame Tochter Kamilla Elly. Sie wohnten in der Frundsbergstraße 5. Richard Lommatzsch war bereits an der Vorbereitung der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung 1911 beteiligt und war fortan als Bildhauer im Deutschen Hygiene-Museum Dresden angestellt.

Eingezogen im I. Weltkrieg, wurde er vor Verdun schwer verwundet und verlor sein rechtes Bein. Als Kriegsversehrter hatte er Anspruch auf ein Stück Bauland, entschied sich aber lieber für ein Auto, da er sich einen Hausbau auf Grund der körperlichen Behinderung nicht zutraute.

Er war sehr belesen, gesellig und kommunikativ und nahm gern an den häufigen Familienfeiern teil, die oft im Garten stattfanden.
 
Die erste Verhaftung erfolgte am 11. November 1933 bei der Hochzeit seiner Tochter. Ein Gast hatte einen Witz über den Gauleiter Martin Mutschmann erzählt. Eine Polizeistreife hatte das unter dem offenen Fenster gehört. Sie waren zu verstärkter Wachsamkeit aufgerufen, um eine Wahl am Folgetag abzusichern. Sie gingen in die Wohnung und fragten, wer den Witz erzählt habe. Da sich keiner meldete, wurde Richard Lommatzsch als Veranstalter des Festes mit auf die Wache und über Nacht dort in Gewahrsam genommen. Einem befreundeten Rechtsanwalt gelang es, für ihn zu bürgen, so dass er am nächsten Tag wieder auf freien Fuß kam.

Die zweite Verhaftung geschah im Dezember 1943. Beim gemeinsamen Frühstück mit Kollegen hatte einer beklagt, dass im Radio gar keine Weihnachtslieder gespielt würden. Richard Lommatzsch erwiderte darauf, dass Radio London manchmal eins bringe. Einer der Kollegen muss ihn angezeigt haben, und so wurde er von der Gestapo verhaftet und samt seinem Radio in Haft genommen. Dort wurde er misshandelt, ihm wurden Zähne ausgeschlagen. Wer diesmal die Entlassung erwirken konnte, ist nicht bekannt. Möglicherweise hat das Hygiene-Museum interveniert, denn Richard Lommatzsch war ein sehr geschätzter Mitarbeiter. 

Richard Lommatzsch erholte sich nicht mehr von den Misshandlungen. Er starb am 2. Oktober 1944 im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt und erhielt ein Urnengrab, in dem viel später auch seine Frau Kamilla beigesetzt wurde. 
 

Über die Initiative Stolpersteine in Dresden

Der Verein Stolpersteine für Dresden wurde 2009 gegründet. Er recherchiert die Biografien der NS-Opfer, organisiert die Verlegungen und hält Kontakt zu Angehörigen. In Dresden erinnern derzeit 417 Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus. Europaweit wurden inzwischen mehr als 130.000 Stolpersteine verlegt. Die Stolpersteine werden in der Regel vor dem letzten frei gewählten Wohnort, aber auch an Wirkungsstätten der Opfer verlegt. Initiiert wurde das Projekt durch den Berliner Künstler Gunter Demnig. 2024 verlegte Gunter Demnig eine erste Stolperschwelle am Alten Leipziger Bahnhof in Dresden, 2026 folgt nun der erste Kopfstein.