Im Zentrum eine junge Journalistin mit Kopfhörern, die sich in einer Ausstellung Notizen macht. Vor und hinter ihr stehen weitere Pressevertreter.

Pressemitteilung

Future Food. Essen für die Welt von morgen

Ausstellungslaufzeit: 21. März 2020 bis 21. Februar 2021

Essen ist lebensnotwendig – und doch weit mehr als ein reines Über-Lebensmittel. Essen führt Menschen zusammen, schafft Erinnerungen, Genuss, Identität und Kultur. Auf den ersten Blick ist es eine private Handlung, auf den zweiten aber auch ein politischer Akt. Denn wir alle sind Teil eines globalen Ernährungssystems, das Milliarden satt macht, während es 800 Millionen Menschen hungern lässt. Hinzu kommen neue globale Herausforderungen durch die Konsequenzen des Klimawandels, schwindende Ressourcen und die zunehmende Marktmacht transnationaler Konzerne.  Vor diesem Hintergrund widmet sich die neue Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums einer der drängendsten Fragen unser Zeit: Wie sieht die Zukunft unserer Ernährung aus? Wie kann sie gestaltet werden? Brauchen wir neue Konzepte oder sogar eine Umkehr im Sinne eines „Weniger ist mehr“? Und: Wer könnte einen solchen Kurswechsel steuern – die Politik, NGOs, die Zivilgesellschaft oder die Konsument*innen selbst?

Die Besucher*innen folgen in drei Kapiteln dem Weg pflanzlicher und tierischer Lebensmittel vom Stall oder Feld bis auf den Teller. Die einzelnen Etappen sind in realen Raumsituationen inszeniert: Man betritt die Ausstellung durch ein Partyzelt, in dem die Hinterlassenschaften einer Feier an die verzehrten Speisen erinnern. Der erste Ausstellungsraum ist als ein Gewächshaus gestaltet und hat die Produktion von Nahrungsmitteln zum Thema. Im zweiten Kapitel veranschaulicht ein Logistikzentrum die Ströme des globalen Handels und seine Konsequenzen. Der Rundgang führt danach in einen Supermarkt, in dem die Verbraucher*innen die Wahl zwischen unterschiedlichen Warenangeboten haben. Im letzten Ausstellungsraum, dem Epilog, wird der Akt des Essens selbst in Form eines Festmahls in Szene gesetzt. Eine opulente Tafel animiert die Besucher*innen zur Diskussion und Interaktion: In einem Spiel können sie zum Beispiel ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten hinterfragen oder darüber abstimmen, welche mittlerweile von der Speisekarte verschwundenen Produkte ein Comeback verdienen sollten.

Die Szenografie der Ausstellung wurde von dem Schweizer Gestalterbüro Groenlandbasel entwickelt. Bildstarke Illustrationen der Grafikerin Hanna Adén veranschaulichen komplexe Zusammenhänge, die auf statistischen Informationen beruhen. Die Ausstellung ist konsequent barrierefrei gestaltet und bietet die erläuternden Texte in Englisch, Einfacher Sprache, Audiodeskription, Deutscher Gebärdensprache an.

Beteiligte Künstler*innen und Designer*innen

 

Wojtek Doroszuk, Kasia Fudakowski, Andreas Greiner, Jinhyun Jeon, Ana Lira, NEFF & Reiko Kaneko , Laura López, Izumi Miyazaki, Neozoon, Haley Morris-Cafiero, Ingrid Pollard, Stephanie De Rouge, Carolin Schulze, Taryn Simon, Michael Zee

Ausstellungsfläche: 800 qm
Kuratorin: Dr. Viktoria Krason

Förderer

 

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Kulturstiftung des Bundes und die Sächsische Landesstelle für Museumswesen
Die Vermittlungsangebote werden gefördert durch die Commerzbank-Stiftung.

Begleitpublikation

Future Food. Essen für die Welt von morgen

Wallstein Verlag, Göttingen 2020

Herausgegeben von Anna-Lisa Dieter und Viktoria Krason für das Deutsche Hygiene-Museum

An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Journalismus und Literatur widmet sich der Begleitband zur Ausstellung dem Essen als Totalphänomen, das Natur und Kultur, Kunst und Alltag verbindet. Er enthält ein Tischgespräch, Essays und literarische Texte von Tanja Busse, Iris Därmann, Jan Grossarth, Stephan Lessenich, Hermann Lotze-Campen, Eckhart Nickel, Ingo Niermann, Hanni Rützler, Psyche Williams-Forson u.a.

DIE AUSSTELLUNGSRÄUME


Produzieren – Zwischen Feld und Labor

Wie wird das Essen von morgen hergestellt und woher wird es kommen: aus dem Labor oder vom Biobauernhof? Und wie wird es in unsere Städte gelangen, in denen eine zunehmende Urbanisierung immer weniger Platz für Grünflächen lässt? Die erste Unterabteilung zeigt Zukunftsvisionen zur Lebensmittelproduktion in ihrer Vielfalt: Auf der einen Seite hochspezialisierte Roboter und Fleisch aus Petrischalen, auf der anderen Seite Wege zu Naturnähe und ganzheitlichen Ökosystemen. Das wirft die Frage auf, ob es ausreichend ist das Bestehende zu optimieren oder ob Landwirtschaft gänzlich neu gedacht werden muss.


Exponatbeispiele:
  • Die Drohne aus dem Projekt Corona-PRO des Leibniz-Instituts für Agrartechnik und Bioökonomie und der Ernteroboter CROPS des Lehrstuhls für Angewandte Mechanik der TU München sind zwei Beispiele für zukünftige Digitalisierung in der Landwirtschaft. Die Drohne ermittelt anhand von Fotografien wie Pestizide im Obstbau reduziert werden können, während der Roboter zum gezielten Ernten und Besprühen von Früchten eingesetzt werden soll.
  • Das ca. 80 cm hohe Modell des Ruthner Turmglashauses von Langenlois wurde anlässlich der Wiener Gartenschau 1964 erstellt. Es zeigt, dass bereits in den 1960er-Jahren über neue Möglichkeiten des Nahrungsanbaus in der Stadt nachgedacht wurde. Welche  Kontinuitäten zwischen solchen früheren Zukunftsvisionen mit der Gegenwart bestehen, zeigt sich in der aktuellen Vertical Farming Bewegung.

 

Handeln – Im Netzwerk des Weltmarkts

Der globale Handel mit Lebensmitteln ist äußerst komplex. Nur wenige Großkonzerne dominieren Produktion, Verarbeitung und Einzelhandel. Im globalen Süden trägt der einseitig beherrschte Weltmarkt zur Zerstörung von Ökosystemen und Lebensgrundlagen bei. Diese Zusammenhänge werden in der Abteilung am Beispiel der Lebensmittel Zucker, Soja und Hähnchenfleisch verständlich gemacht. Außerdem stellt sie Menschen vor, die angesichts dieser Zustände fragen, wie neuen Formen der Wirtschaft aussehen können:Wie ist ein globales Handelssystem möglich, das auf Nachhaltigkeit und Fairness baut? Und welche unterschiedlichen Rollen spielen Technologie und Politik dabei?


Exponatbeispiele
  • Block Bird’s – The World’s Most Transparent Chicken von The Future Market (New York). Dank Blockchain-Technologie soll jede Etappe der Lieferkette eines Hähnchens digital erfasst werden - von der Geburt bis zur Ankunft im Kühlregal des Supermarkts. Damit würde es möglich, genau nachzuvollziehen, was auf dem Teller landet. Obwohl dieser „Block Bird“ noch in Entwicklung ist, können die Besucher*innen den ersten, exklusiv für das Deutsche Hygiene-Museum angefertigten Prototyp sehen.
  • Eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung hat fünf Zukunftsszenarien für das Jahr 2050 entworfen, in denen die Ernährung im Mittelpunkt steht. Zwei sehr gegensätzliche Szenarien werden anhand von jeweils sieben figurativen Installationen vorgestellt. Im ersten, nachhaltigen Szenario bildet die Zivilgesellschaft innerhalb demokratischer Strukturen die treibende politische Kraft. Ein wesentliches Merkmal sind dabei möglichst kurze Wertschöpfungsketten und eine ausgewogene, vorwiegend pflanzliche Ernährung. Im zweiten Szenario wird die Politik maßgeblich von einigen wenigen Technologiekonzernen gelenkt. In dieser hochtechnisierten Welt basiert der Fortschritt weiter auf fossilem Brennstoff und hat zwei Seiten: Er wirkt sich zwar positiv auf die Verringerung von Unter- und Überernährung, Armut und Ungleichheit aus, aber der hohe Wohlstand und Konsum belasten das ökologische System extrem.

 

Wählen – Der Supermarkt der Zukunft

In dieser Unterabteilung stehen die Entscheidungen der Konsument*innen im Fokus. Nach welchen Kriterien wähle ich meine Lebensmittel aus? Was bedeutet das für mich und für andere? Dort, wo die meisten Menschen genug zu essen haben, werden aus Ernährungsentscheidungen Ernährungsstile. Ihre Spanne reicht von Lifestyle und digitalen Esskulturen über Essen als Selbstoptimierung  bis hin zu Bewegungen, die sich mit der Wahl ihrer Lebensmittel für Tierwohl und Klimaschutz einsetzen.


Exponatbeispiele:
  • Jede unserer Mahlzeiten hat unmittelbaren Einfluss auf das Klima. Doch für die Kund*innen im Supermarkt ist es schwer nachzuvollziehen, wie klimaschädlich unsere Lebensmittel sind. Mit Hilfe des CO2-Rechners „Klimateller“ des IFEU – Institut für Energie- und Umweltforschung (Heidelberg) können sich Besucher*innen an einer interaktiven Station Gerichte an einem Touchscreen zusammenstellen und deren Klimabilanz berechnen lassen.
  • „Tableware as Sensorial Stimuli, Rear Bump Spoon for Enhancing Colour & Tactility“. Die Designerin Jinhyun Jeon entwickelte ein die Sinne stimulierendes Besteck, das auf sechs sensorischen Elementen basiert: Farbe, Temperatur, Volumen, Gewicht, Form und Haptik. So können nicht nur unsere Geschmacksknospen in die Handlung und den Genuss des Essens einbezogen werden. Drei Löffel der Designerin können von den Besucher*innen ertastet werden.

2014, Fotografie © IzumiMiyazaki