Grafik eines Fernsehers mit Antenne und aufgelegtem Häkeldeckchen.Die Mattscheibe zeigt eine gestörtes Bild , auf dem die Sterne der EU abgebildet sind.

Europa Kontinent der posthistorischen Zartheit oder identitäre Trutzburg?

15. Okt, Do., 19:00 bis 21:00 Uhr

Europa
Kontinent der posthistorischen Zartheit oder identitäre Trutzburg?

15. Okt, Do., 19:00 bis 21:00 Uhr

Online-Tickets max. bis zum Vortag buchbar; ggf. Restkarten an der Abendkasse

Im Vorfeld des Kogresses Geteilte Heimaten (2. bis 4. Nov. 2020) spricht der Ideenhistoriker, Kojève-Biograph und Heinrich Mann-Preisträger Danilo Scholz mit dem französischen Roman- und Theaterautor Aurélien Bellanger und der Dramatikerin und Dramaturgin Enis Maci über kulturelle Erfahrungsräume in der EU.

In der Selbstdarstellung des Staatenverbundes vollzieht sich die europäische Einigung auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Europa begreift sich somit als Friedensprojekt, das seinem Selbstverständnis nach an die Tradition der Aufklärung anschließt und sich einen nachgerade klassischen Kulturbegriff zu eigen macht. Dieser erbaulichen Erzählung setzt diese Podiumsdiskussion andere Sichtweisen entgegen. Erkundet werden ungewöhnliche, abgeschmackte, verstörende Erfahrungsräume. Für jüngere Generationen, für die der Zweite Weltkrieg in weite Ferne gerückt ist, stellte sich das Friedensprojekt bisweilen als technokratisch eingehegte Zone der Entpolitisierung dar.

Statt um Anschluss an die Hochkultur soll es im Gespräch um die identitätsstiftende Kraft des Populären und Prolligen gehen, vom Eurovision Contest bis zum Eurodance der frühen 1990er. Dass auch Angst zum Kitt eines gemeinsamen Erlebens werden kann, lässt sich in der Integrationsgeschichte seit dem Kalten Krieg immer wieder beobachten. Schließlich ist auch die Politik, deren einstweilige Abwesenheit eher behauptet als belegt wurde, wieder in das europäische Kulturgeschehen eingebrochen. Mit dem Ideal des grenzenlosen Austauschs konkurriert inzwischen eine junge identitäre Bewegung, die den Rückzug aufs Eigene predigt und zur Verteidigung eines homogenen europäischen Kulturraumes aufruft.


Enis Maci, geboren 1993 in Gelsenkirchen, ist Dramatikerin und Essayistin. Sie hat Literarisches Schreiben in Leipzig und Kultursoziologie in London studiert. Ihre Stücke wurden in Leipzig, Wien, Mannheim und München uraufgeführt, 2020 folgt die Premiere von WÜST am Theater Bremen. Zuletzt wurde sie mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft und dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet. Im Jahr 2021 ist Enis Maci Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul und der Villa Aurora in Los Angeles. In ihrem 2018 bei Suhrkamp erschienenen Essayband Eiscafé Europa „verweilt sie in den sozialen Randzonen“ und entwirft entlang einer „Linie von Jeanne D’Arc über Sophie Scholl bis zu den albanischen Schwurjungfrauen […] ein dichtes Panorama europäischer Gegenwart“. Auch in ihren Theaterstücken beschäftigt sie sich immer wieder mit der Frage nach dem „Wir“ und seiner (Un-)Möglichkeit.

Danilo Scholz, 1984 in Wolfen bei Bitterfeld geboren, ist Publizist, Ideenhistoriker und Übersetzer. Er studierte politische Ideengeschichte in Cambridge sowie Geschichte und Philosophie an der Pariser École normale supérieure. In seiner Promotion an der École des hautes études en sciences sociales hat er sich mit Staatsbegriffen und -kritik im französischen Denken des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Momentan arbeitet an einer intellektuellen Biografie Alexandre Kojèves, die bei C.H. Beck erscheinen wird. Für seine publizistische Essayistik erhielt er 2019 den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste. Er ist derzeit Thyssen-Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.

Aurélien Bellanger, 1980 in Laval im Departement Mayenne im Westen Frankreichs geboren, ist ein französischer Schriftsteller und Radiokolumnist. Er debütierte 2010 mit einem Essay über Michel Houellebecq. In seinen ersten Romanen vergegenwärtigt er einen französischen Mythos der Modernität, der seine Kraft aus ambitionierten Infrastrukturprojekten – Hochgeschwindigkeitszüge, Autobahnen, Telekommunikationsnetzwerke – bezieht. Zuletzt erschienen ist Le Continent de la douceur (2019, Gallimard), ein Roman, der nicht zuletzt um die Frage kreist, inwiefern Europa gerade als bürokratisches Gebilde geschichtsträchtig ist und zum literarischen Stoff taugt. Das von ihm verfasste und von Julien Gosselin inszenierte Theaterstück 1993 (2018) ist den Verheißungen der europäischen Popkultur auf der Spur und stößt dabei auf Abgründe, die sich hinter der posthistorischen Euphorie der frühen neunziger Jahre auftaten. Seine für den Radiosender "France Culture" seit 2017 produzierten Radioessays erschienen 2019 unter dem Titel „La France“.