Einführung
Das Gesicht ist ein entscheidender Schauplatz des Verstehens und der Affekte gegenüber dem und den Anderen. Welche Rolle spielt die Begegnung von Angesicht zu Angesicht für die Einübung von Empathie? Wie entstehen Fremdheit und Vertrautheit von Gesichtern im Zeitalter zunehmend medial vermittelter Interaktion? Das Symposium erörtert diese Fragen aus entwicklungspsychologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive im Blick auf die Politik des Zusammenlebens in der globalisierten Migrationsgesellschaft zusammen.
Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Bedingungen einer gelingenden sozialen Kultur. Im Zeitalter der Globalisierung scheint Empathie als grundlegende Kompetenz menschlichen Miteinanders gefragter denn je. Nur wer die Erfahrungen und Herausforderungen eines fremden Lebens verstehen und dessen Bedürfnisse nachempfinden kann, wird die Konfrontation mit kulturellen und sozialen Divergenzen ein- wie wertschätzen können. Andererseits finden in der Mediengesellschaft menschliche Begegnungen oftmals indirekt, vermittelt durch standardisierte Bildwelten statt. Kann man sich menschliches Leid - sei es nebenan oder in weit entfernten Teilen der Welt - schwer vorstellen, wenn man die Betroffenen nur in Fotografien oder Filmaufnahmen sieht? Und wie stark ist unser Umgang mit fremden Gesichtern von tradierten Bild- und Diskursmustern geprägt? Klar scheint: in der alltäglichen Berichterstattung nützt sich die Eindrücklichkeit von Bildern ab. Hat Mitmenschlichkeit ohne direkte Begegnung eine Chance? Wieviel Auseinandersetzung braucht und wieviel Kontroverse verträgt der Umgang mit unterschiedlichen Lebensformen? Aus anthropologischer, philosophischer und psychologischer Perspektive stellt sich die brisante Frage: Ist Empathie eine unausgeschöpfte Ressource und Chance? Oder ist die Forderung nach mehr Empathie vor allem ein Regulativ der überforderten Migrationsgesellschaft und des Mangels an politischen Instrumenten und sozialen Visionen des weltweiten Zusammenlebens?