Im Zentrum eine junge Journalistin mit Kopfhörern, die sich in einer Ausstellung Notizen macht. Vor und hinter ihr stehen weitere Pressevertreter.

Pressemitteilung

GLÄSERNE FIGUREN: AUSSTELLUNGSIKONEN DES 20. JAHRHUNDERTS

Forschungsprojekt: November 2016 bis Mai 2022

Projektleitung: Julia Bienholz-Radtke, Manuel Vojtech

Förderer: VolkswagenStiftung

 

Seit der Erstpräsentation eines Gläsernen Mannes im Jahr 1930 sind die Gläsernen Figuren zu den bekanntesten Ausstellungsobjekten des Deutschen Hygiene-Museums (DHMD) geworden. Diese transparenten Körpermodelle wurden nicht aus Glas, sondern vorwiegend aus dem Kunststoff Celluloseacetat gefertigt, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Industrieprodukt zur Verfügung stand. Objekte, die aus diesem Material hergestellt wurden, finden sich heute in vielen Museumssammlungen. Celluloseacetat ist jedoch starken und schnell ablaufenden Alterungsprozessen wie Schrumpfung, Vergilbung und Versprödung unterworfen, für die bislang kaum Behandlungsmöglichkeiten vorliegen.

An dieser Problematik setzte das Forschungsprojekt Gläserne Figuren. Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts an, das jetzt nach rund fünfjähriger Laufzeit mit der Publikation der Ergebnisse im Sandstein Verlag Dresden abgeschlossen wurde. Das DHMD hat dieses konservierungswissenschaftliche Projekt zwischen November 2016 und Mai 2022 realisiert und kooperierte dabei mit dem Studiengang Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Kunst- und Kulturgut der Hochschule für Bildende Künste Dresden, dem Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft (CICS) der Technischen Hochschule Köln sowie der Professur für Organische Chemie der Polymere der Technischen Universität Dresden. Gefördert wurde das Projekt von der VolkswagenStiftung in der Förderlinie „Forschung in Museen“.

Iris Edenheiser, Direktorin des Deutschen Hygiene-Museums, äußerte sich zum Abschuss der Forschungsprojekts: „Bei den „Gläsernen Figuren“ handelt es tatsächlich um globale „Ausstellungsikonen des 20. Jahrhunderts“, denen im Laufe ihrer Objektbiografien immer wieder andere Rollen zukamen. Ihre kultur- und wissenschaftshistorische Bedeutung reicht weit über die engere Institutionsgeschichte des Deutschen Hygiene-Museums hinaus. Das hat das Forschungsprojekt eindrucksvoll nachgewiesen. Mit der jetzt abgeschlossenen konservierungswissenschaftlichen Forschung, die wir gemeinsam mit unseren Partnern und unterstützt von der VolkswagenStiftung realisieren konnten, haben unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung Sammlung wertvolle Pionierarbeit geleistet. Die Ergebnisse des Projekts zum langfristigen Erhalt der Gläsernen Figuren und anderer Objekte aus Celluloseacetat, die wir in der nun erscheinenden Publikation veröffentlichen, können auch von anderen Institutionen genutzt werden, die vor ähnlichen Konservierungsproblemen stehen. In unserer für das Jahr 2024 geplanten Sonderausstellung zur Wissensproduktion und -vermittlung am DHMD in der DDR, werden die Gläsernen Figuren mit Sicherheit eine wichtige Rolle einnehmen, so dass ihre Ausstellungskarriere im 21. Jahrhundert ihre Fortsetzung finden wird.“

Ausgangspunkt des Forschungsprojekts waren die Gläserne Figuren in der Sammlung des DHMD. Zwei Doktoranden der Hochschule für Bildende Künste Dresden untersuchten zwischen 2017 und 2019 insgesamt 16 Gläserne Figuren. Darunter befanden sich auch Gläserne Menschen und Tiere, die sich heute im Besitz der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, der Landwirtschaftlichen Universität in Nitra, der Veterinärmedizinischen Hochschule in Kosiče, an der Universität Helsinki sowie an der Freien Universität in Berlin befinden. Mittels Fragebogen konnte darüber hinaus der Zustand von drei weiteren Figuren unter anderem im Palais de la Découverte in Paris erfasst werden. Von den mehr als 130 zwischen 1930 und 2000 hergestellten Gläsernen Figuren sind ca. 40 Figuren mit ihrem heutigen Standort bekannt, bei ca. 40 weiteren Figuren konnten zumindest Hinweise zum Verbleib recherchiert werden.
 

KONSERVIERUNGS-, RESTAURIERUNGS- UND PRÄSENTATIONSKONZEPT

Als Ergebnis des Forschungsprojekts ist ein tragfähiges Konservierungs-, Restaurierungs- und Präsentationskonzept für die „Gläsernen Figuren“ des Deutschen Hygiene-Museums entstanden, das auch von anderen Museen für ihre eigenen Objektbestände adaptiert werden kann. Damit hat das Forschungsprojekt einen exemplarischen Beitrag zum langfristigen Erhalt von und konservatorischen Umgang mit Kunststoffobjekten in musealen Sammlungsbeständen geleistet.

Als zentral für den langfristigen Erhalt der Figuren hat sich die präventive Konservierung herauskristallisiert. Unter anderem werden Klimawerte von 15°C und 30% rF empfohlen, deren Umsetzung in den Depot- und Ausstellungsräumen des Deutschen Hygiene-Museum momentan in Planung ist. Zunächst soll für die in der Dauerausstellung präsentierte historische Gläserne Frau eine Klimavitrine entwickelt werden und für die Lagerung weiterer Modelle eine spezielle Klimazelle entstehen. Auf der Basis der Forschungsergebnisse zum Erhalt der Gläsernen Figuren wurden zudem zusammenfassende Empfehlungen zum Umgang mit dreidimensionalen Objekten aus Celluloseacetat entwickelt.

 

DAS KONVOLUT "GLÄSERNE FIGUREN"

Zu Beginn des Projektes umfasste das Konvolut „Gläserne Figuren“ in der Sammlung des DHMD lediglich einige hundert Objekte, heute gehören mehr als 7.500 dazu. Den größten Teil stellen ca. 7.000 historische Fotografien, mit denen die komplexe Herstellungs- und Ausstellungsgeschichte der Figuren seit 1930 dokumentiert werden kann; dieser Fotobestand wurde in einem parallel durchgeführten Projekt digital erschlossen. Nach einer Inventur der Werkstatt „Gläserne Figuren“, die nach Einstellung der Produktion in den Räumlichkeiten des DHMD verblieben war, wurden ca. 200 Objekte neu in die Sammlung aufgenommen, die bei der Herstellung der Figuren verwendet wurden.

Im Zentrum des Sammlungskonvoluts stehen 12 Ganzfiguren (vier Gläserne Männer, vier Gläserne Frauen, eine Gläserne Kuh, eine Gläserne Schwangere, zwei Gläserne Zellen), die zwischen 1935 und 2000 hergestellt wurden. Darunter befindet sich auch eine Gläserne Frau von 1935/36 als Dauerleihgabe des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Dazu kommen korrespondierende Objekte wie Werkstoffe und Werkzeuge, Ausstellungszubehör wie Sockel, Tonbandgeräte und mehr als 220 Hörvorträge in 29 Sprachen auf Schallplatte, Tonband und Kassette. Kataloge, Broschüren und Marketingprodukte aus dem Vertrieb runden das Konvolut ab.

 

PUBLIKATION DER FORSCHUNGSERGEBNISSE

Gläserne Figuren. Objekte aus Kunststoff erforschen und erhalten

Publikationsreihe „Sammlungsschwerpunkte“, Band 7

Hrsg.: Julia Bienholz-Radtke, Susanne Roeßiger

Sandstein Verlag, Dresden, 2022

Im Aufsatzteil dieser Publikation werden die zentralen Erkenntnisse des zugrundeliegenden Forschungsprojekts zu den ablaufenden Alterungsprozessen des Celluloseacetats, den sichtbaren Schadensphänomenen sowie den Möglichkeiten und Grenzen der aktiven Konservierung vorgestellt. Darüber hinaus werden neue Erkenntnisse zur Herstellungs- und Ausstellungsgeschichte der Figuren, zur Geschichte des Materials Celluloseacetat sowie restaurierungsethische Überlegungen zum restauratorischen Umgang mit den transparenten Körpermodellen präsentiert.

Im Katalogteil werden mehr als 60 historische Objekte aus dem Konvolut „Gläserne Figuren“ vorgestellt und dabei Wissensbestände zur Geschichte der Figuren zusammengefasst, konkretisiert und erweitert. Im Mittelpunkt stehen die Lebensläufe der im DHMD befindlichen zwölf Ganzfiguren, die eine Transformation vom reinen Anschauungsmodell hin zum wissenschafts- und kulturhistorisch bedeutsamen Objekt durchlaufen haben. Der Gläserne Mann von 1935 war beispielsweise in unterschiedlichen Wanderausstellungen des Museums in Deutschland und weiteren europäischen Staaten zu sehen, mit denen die nationalsozialistische Gesundheitspolitik verbreitet werden sollten. Demgegenüber war die Gläserne Frau von 1935/36 – als eine der wenigen weiblichen Figuren vor 1945 – über Jahrzehnte hinweg in den USA zu sehen, bevor sie in den 1980er Jahren wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Im Zusammenspiel mit weiteren in der Sammlung erhaltenen Objekten werden die Gläsernen Figuren – und insbesondere die Gläsernen Menschen – in dieser Publikation als gezielt hergestellte, häufig aufwendig inszenierte und strategisch beworbene Ausstellungsmedien erkennbar. Zeitgenössische Fotografien dokumentieren die dramatischen Inszenierungen der Gläsernen Männer ab den 1930er Jahren, die auf ausladenden Sockeln, mit einer eigenen Lichtregie und begleitet von informativen Hörvorträgen präsentiert wurden.

Dass die Herstellung der Formvorlagen eher einem künstlerischen Prozess glich, in den politische, gesellschaftliche und auch herstellungstechnische Belange einflossen, wird an den erhaltenen Gipspositiven – insbesondere der Gläsernen Frauen – aus der Werkstatt des DHMD deutlich. In der DDR wurden die weiblichen Figuren als Schlüsselobjekte für neue Themen des Museums wie die Stellung der Frau im Sozialismus, die Bevölkerungs- und Familienpolitik der DDR sowie zur Sexualerziehung eingesetzt.

Ab Mitte der 1980er Jahren ist ein verstärktes historisches und kulturwissenschaftliches Interesse an den Figuren feststellbar. Mit dem politischen Umbruch von 1989/90 erfolgte eine Abkehr von der sozialistischen Gesundheitserziehung und es wurde nach neuen Einordnungen und Erzählweisen gesucht. In verschiedenen kulturhistorischen Ausstellungen ab den 1990er Jahren repräsentierten die Figuren ein im frühen 20. Jahrhunderts entwickeltes Menschenbild, das vom Glauben an die naturwissenschaftliche Erkenntnis und die Kontrollierbarkeit des menschlichen Körpers geprägt war.

Trotz dieser Bestrebungen einer kritischen kulturwissenschaftlichen Einordnung werden die Gläsernen Figuren – und insbesondere die Gläserne Frau – bis heute vom Publikum und der breiten Öffentlichkeit auch als eine Art „Markenzeichen“ des Deutschen Hygiene-Museums wahrgenommen.

 

Wenn Sie ein Rezensionsexemplar bestellen möchten, nennen Sie uns bitte die Redaktion bzw. das Medium, für das Sie arbeiten: presse(at)dhmd.de

 

PRESSEFOTOS

 

© Gunther Binsack

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© Oliver Killig

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