Die Ausstellung Scham mit der Statue des nackten griechischen Dichters Anakreon im Zentrum des Bildes. Im Vordergrund rechts eine farbige Videoprojektion. Links und im Hintergrund Exponate zum Thema Scham.

Scham

100 Gründe, rot zu werden
26. Nov 2016 - 05. Jun 2017

Eine Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums

Verhältnismäßig unverhältnismäßig

Mit dem Gefühl der Scham sind wir von klein auf vertraut, und auch als Erwachsene begegnen wir ihr in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder. Kaum jemand wird sich allerdings gerne schämen – im Gegenteil: Scham ist ziemlich unangenehm. Vielleicht lohnt es sich gerade deswegen, einmal genauer hinzuschauen, was es mit diesem Gefühl auf sich hat. Meist überfällt die Scham uns ganz unmittelbar, ohne dass wir lange nachdenken müssten, warum wir uns schämen. Und löst dabei ausgesprochen körperliche Reaktionen aus: Wir beginnen zu schwitzen, werden rot oder verbergen unser Gesicht. Die Gründe, wofür und wie sehr wir uns schämen, können von Mensch zu Mensch ganz andere sein.

Scham ist aber weit mehr als ein bloß subjektives Gefühl. Psychologen und Soziologen haben ihre elementare Bedeutung für das Funktionieren von Gesellschaft beschrieben. Denn Scham verbindet das Selbstverständnis des Einzelnen unmerklich mit den je geltenden Verhältnissen, den Werten und Regeln einer Gemeinschaft. So trägt die Fähigkeit, Scham empfinden zu können, auch zum inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft bei. Eines jedenfalls wird den Besucherinnen und Besuchern dieser Ausstellung klar werden: Dass wir in schamlosen Zeiten leben – wie manche Kulturkritiker meinen – ist ein gründlicher Irrtum!

KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER

Nobuyoshi Araki (*1940), Kurdwin Ayub (*1990), Leigh Bowery (1961–1994), Jörg Buttgereit (*1963), VALIE EXPORT (*1940), Christian Jankowski (*1968), Terence Koh (*1977), Leigh Ledare (*1976), Victoria Lomasko (*1978), Erik van Lieshout (*1968), Alex McQuilkin (*1980), Margret - Chronik einer Affäre (1969/70), Ferhat Özgür (*1965), Dennis O’Rourke (1945–2013), Bruce Richards (*1948), Rokudenashiko (*1972), Joanna Rytel (*1974), Sašo Sedlaček (*1974), Jan M. Sieber (*1975) und Ralph Kistler (*1969), Thomas Schütte (*1954), Helmut Schwickerath (*1938), Miroslav Tichý (1926–2011), Phillip Toledano (*1968), Oliviero Toscani (*1942), Danh Vō (*1975), Marie Voignier (*1974)

Film zur Ausstellung

Gebrauchsanweisung

Gründe, sich zu schämen, gibt es fast so viele, wie es Menschen gibt. Die Auswahl, die für die Ausstellung getroffen wurde, kann darum nicht vollständig sein. Auch die einzelnen Themenfelder sind nicht trennscharf, vielmehr überlappen sie einander mehr oder weniger stark. Ähnlich ist es beim individuellen Schamempfinden: Hier überwiegen mal die subjektiven, mal die gesellschaftlichen Anteile – und manchmal sind beide gar nicht voneinander zu trennen. Weil es sich so verhält mit der Scham, finden die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung auch keine strenge Gliederung in Einzelbereiche vor. In allen Texten zu den einzelnen Exponaten und Kunstwerken findet sich aber ein Hinweis auf mindestens einen der 100 Schamgründe, die sich folgenden Themenfeldern zuordnen lassen. 
ausstellungen/scham/die-100-gruende/

Die 100 Gründe

Scham und Norm

 Von Geburt an wird der Mensch betrachtet, vermessen, gewogen, zu- und eingeordnet. Die Wissenschaften analysieren und vergleichen diese Daten, um zu definieren, was als normal und gesund gelten soll. Übrig bleibt die Scham. Sie entsteht aus dem Gefühl heraus, solchen Erwartungen nicht zu genügen oder zu sehr von ihnen abzuweichen. Scham verbindet den Einzelnen mit der Gemeinschaft darum auf doppelte Weise: Zum einen motiviert sie uns zum Handeln im Wunsch dazuzugehören, zum anderen verhindert sie manchmal, dass wir uns anderen gegenüber überhaupt öffnen.

angeblickt werden, Erröten, vermessen werden, Babyspeck, nicht normal sein, krummer Rücken, schiefe Nase, krank sein, Hautausschlag, BMI, sich frei machen, durchleuchtet werden, Anfassen, Masturbieren, verliebt sein, Intimbereich

Scham und kulturelle Verschiedenheit

Auch wenn das Gefühl der Scham wohl universell ist, sind seine Ausprägungen je nach Zeit, Kultur und Religion sehr unterschiedlich. Insbesondere der nackte Körper, seine Ausscheidungen und seine schwer beherrschbare Triebhaftigkeit führen zu immer wieder anderen Formen, mit der Scham umzugehen. Scham ist darum das soziale Gefühl schlechthin, das den Umgang der Menschen miteinander begleitet und regelt, häufig unterhalb der Oberfläche des offen Gesagten.

Spannen, neugierig sein, fremde Sitten, Entschleiern, respektlos sein, Unverständnis, versteckte Kamera, Stuhlgang, nackt sein, kurze Röcke, ausgestellt werden, Erektion, Impotenz, eingeweiht werden, im Mittelpunkt stehen, Gesichtsverlust, keine Stimme haben, Lästern, verletzte Ehre, Indiskretion, Sünde, Schuldgefühl, geschändet werden, das Allerheiligste, Nächstenliebe

Scham, Stolz und Identität

Scham und Identität sind nicht voneinander zu trennen. Unser Bild von uns selbst ist nicht nur von biografischen Erlebnissen beeinflusst; auch der Stolz auf oder die Scham über Geschehnisse in der Gruppe oder der Nation, der man sich zugehörig fühlt, spielen eine wichtige Rolle. Immer geht es dabei um die Überschreitung von Grenzen: Was ist richtig, was angemessen oder erlaubt? Die Scham ist darum oft mit einem Gefühl der Unverhältnismäßigkeit verbunden, bei der das Menschliche auf der Strecke bleiben kann.

Geheimnisse, Familie, Fremdgehen, Stolz, Vergessen, Altern, Kontrolle, versagte Anerkennung, Starrheit, schlechte Witze, Grenzüberschreitung, deutsch sein, Erinnerungskultur, Hass, Bigotterie

Scham und Beschämung

Manche Beobachter beschreiben unsere Gegenwart als eine schamlose Zeit. Aber nach wie vor ist die Scham ein wichtiges Instrument zur Kontrolle des sozialen Miteinanders. In einer massenmedial geprägten Kultur gewinnt ihre Funktion als sozialer Affekt sogar zunehmend an Bedeutung. Scham kann den Wunsch zu helfen ebenso aktivieren wie sie in der Lage ist, Aus- und Abgrenzung zu begründen. Innerhalb und zwischen den Kulturen kann der Zusammenprall verschiedener Formen des Schamempfindens zu schweren Missverständnissen führen. Die Möglichkeit zur globalen Verbreitung von Texten, Bildern oder Filmen in den Sozialen Medien stellt die Frage nach der Notwendigkeit einer neuen, interkulturellen Schamkultur.

Obdachlosigkeit, Armut, Helfen, Image-Schaden, Unreinheit, Arbeitslosigkeit, Sucht, Einsamkeit, Prüderie, Zusammenhalt, Demütigung, Blackfacing, Entmenschlichung, Shitstorm, Anonymität, große Klappe, Benehmen, Kleckern, Peinlichkeit, feine Unterschiede, lange Röcke, Cruising, Zivilisationsprozess, Lachen, Naivität, scharfe Bilder, Perversion, schmutzige Fantasien

Jenseits und Diesseits der Scham

Scham wird heute nur noch selten für ein bürgerliches und repressives Gefühl gehalten, das der freien individuellen Entfaltung entgegensteht. Aber wie wird sich Scham als doppeldeutiges soziales Regulativ in Zukunft weiter entwickeln? Wird sie zu einem normativen Instrument oder erinnert sie an die Notwendigkeit, dass auch Normen begrenzt werden sollten? Würde so einer Menschlichkeit Raum gelassen, die über alles vertraut Menschliche hinausgeht?

Verurteilung, Schamlosigkeit, Selbstdarstellung, Seelenmord, Machtmissbrauch, Kleinfamilie, Mutterliebe, Narzissmus, Unvollkommenheit, anders sein, Empathie, sich zum Affen machen, Transparenz, Menschlichkeit, Scham

Rundgang

Blick in den Eingangsbereich der Ausstellung Scham. Im Vordergrund eine Kopie der antiken Skulptur der Venus, ihre Scham bedeckend.  Im Hintergrund rechts weitere Statuen und an der Wand eine schwarzweiße Videoprojektion.
Venus Medici, Abguss 19. Jahrhundert © Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin
Die linke Bildhälfte zeigt die Miniaturausgabe der Praxis von Sigmund Freud, die Naturfarben wie grün und braun hat. Die rechte Bildhälfte zeigt bunte Playmobilfiguren, die die biblische Geschichte von Zachäus nachstellen. Beide Miniaturausgaben werden von der gleichen Besucherin im Hintergrund beobachtet.
Im Hintergrund rechts steht eine Vitrine mit verschiedenen Masken. Links eine Vitrine mit verschiedenen Penisköchern. Im Vordergrund eine Statue des Anakreon mit verschnürter Vorhaut des Penis in der Ausstellung Scham.
Statue des Anakreon, 2. Jh. v Chr.
Eine junge Frau und ein junger Mann betrachten eine Virtine mit unterschiedlichen  Masken aus verschiedenen Zeiten und Kulturen.
Eine metallene Schandmaske mit einer darauf geklebten metallenen Flöte aus dem 17. Jahrhundert in einer Vitrine.
Schandmaske (mit zwei langen Ohren und einer Flöte an Stelle des Mundes), 17. Jh. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Foto: Monika Runge
Eine junge Frau und ein junger Mann an einem Touchscreen-Tisch in einem dunklen Raum.
Nahaufnahme von zwei Playmobilfiguren als Adam und Eva im Paradies mit Apfel und feigenblattbedeckter Scham.
Ein Feigenblatt aus Platin auf einem an die Wand gezeichneten Körper. Es ist einem Original aus Gips nachempfunden, das man aus Prüderie vor dem Penis von Michelangelos David anbrachte.
Bruce Richards, Grand Tour, 2014 Courtesy of the Artist and Jack Rutberg Fine Arts, Los Angeles, CA USA
Im Vordergrund auf dem schwarzen Boden liegende weiße Ganzkörperskulptur mit augeschnittenem Schambereich. Im Hintergrund ein Gemälde zum Thema Scham und eine schwarzweiße Videoprojektion an eine Wand.
Terence Koh: The Camel was God, the Camel was Shot, 2007 Courtesy the Saatchi Gallery, London
Ein junger Mann bertachtet einen Monitor, der ein schwarzweißes historisches Foto von drei Frauen aus Asien zeigt.
Eine computergesteuerter Plüschaffe imitiert die Bewegungen einer von hinten gefilmten Besucherin in einem dunklen Raum.
Blick in den Eingangsbereich der Ausstellung Scham. Im Vordergrund eine Kopie der antiken Skulptur der Venus, ihre Scham bedeckend.  Im Hintergrund rechts weitere Statuen und an der Wand eine schwarzweiße Videoprojektion.
Venus Medici, Abguss 19. Jahrhundert © Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin
Die linke Bildhälfte zeigt die Miniaturausgabe der Praxis von Sigmund Freud, die Naturfarben wie grün und braun hat. Die rechte Bildhälfte zeigt bunte Playmobilfiguren, die die biblische Geschichte von Zachäus nachstellen. Beide Miniaturausgaben werden von der gleichen Besucherin im Hintergrund beobachtet.
Im Hintergrund rechts steht eine Vitrine mit verschiedenen Masken. Links eine Vitrine mit verschiedenen Penisköchern. Im Vordergrund eine Statue des Anakreon mit verschnürter Vorhaut des Penis in der Ausstellung Scham.
Statue des Anakreon, 2. Jh. v Chr.
Eine junge Frau und ein junger Mann betrachten eine Virtine mit unterschiedlichen  Masken aus verschiedenen Zeiten und Kulturen.
Eine metallene Schandmaske mit einer darauf geklebten metallenen Flöte aus dem 17. Jahrhundert in einer Vitrine.
Schandmaske (mit zwei langen Ohren und einer Flöte an Stelle des Mundes), 17. Jh. © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg. Foto: Monika Runge
Eine junge Frau und ein junger Mann an einem Touchscreen-Tisch in einem dunklen Raum.
Nahaufnahme von zwei Playmobilfiguren als Adam und Eva im Paradies mit Apfel und feigenblattbedeckter Scham.
Ein Feigenblatt aus Platin auf einem an die Wand gezeichneten Körper. Es ist einem Original aus Gips nachempfunden, das man aus Prüderie vor dem Penis von Michelangelos David anbrachte.
Bruce Richards, Grand Tour, 2014 Courtesy of the Artist and Jack Rutberg Fine Arts, Los Angeles, CA USA
Im Vordergrund auf dem schwarzen Boden liegende weiße Ganzkörperskulptur mit augeschnittenem Schambereich. Im Hintergrund ein Gemälde zum Thema Scham und eine schwarzweiße Videoprojektion an eine Wand.
Terence Koh: The Camel was God, the Camel was Shot, 2007 Courtesy the Saatchi Gallery, London
Ein junger Mann bertachtet einen Monitor, der ein schwarzweißes historisches Foto von drei Frauen aus Asien zeigt.
Eine computergesteuerter Plüschaffe imitiert die Bewegungen einer von hinten gefilmten Besucherin in einem dunklen Raum.

Pressestimmen

Der Rundgang ist als soziales Experiment angelegt, indem der Beobachter ständig zum Beobachteten wird. Sein Gewicht wird heimlich gemessen und für alle Besucher sichtbar an eine Wand projiziert. Ein Eye-Tracker folgt den Blicken der Besucher auf ein Foto nackter Frauen - wo genau die Augen verweilen, wird den Mitmenschen an einer anderen Stelle offenbart. Francesco Giammarco, Spiegel Online
Zwei Stunden in der Ausstellung müssten jeden davon überzeugen, dass Scham nie aus der Mode kommt, auch nicht heutzutage, sie trägt nur neue Masken. Und auch davon, dass Scham nicht die Zensorin der Zivilgesellschaft ist, sondern ihre Verbündete. Uwe Schmitt, Die Welt
Wer so durch die nummerierten Gründe schlendert, bei dem stellt sich bald ein Effekt ein, der nur oberflächlich ein paradoxer ist: Je mehr man sich hier, im Museum, mit der Scham befasst, desto mehr fühlt man sich von ihr befreit. Cornelius Pollmer, Süddeutsche Zeitung
Das Persönliche und das Gesellschaftliche könnten (…) kaum näher beieinander liegen als in dieser Schau. Torsten Klaus, Dresdner Neueste Nachrichten
‘Scham‘, die neue Sonderschau, bietet vom ersten bis zum letzten Exponat Diskussionsstoff. Das Thema ist im Hygiene-Museum zu Hause. Birgit Grimm, Sächsische Zeitung

Daten & Fakten

Kurator: Daniel Tyradellis, Berlin

Ausstellungsgestaltung, -planung: Roger Bundschuh, Berlin

Wissenschaftliches Projektteam: Johanna Stapelfeldt, Sophie Plagemann, Cornelia Wagner

Projektkoordination: Sophie Plagemann, Cornelia Wagner

Produktionsleitung: Anna Kalvelage, KAWOKA Architekten, Berlin

Ausstellungsgrafik und Plakat: Yvonne Quirmbach, Berlin

Ausstellungsbau: Schelm & Sohn GmbH, Hannover, Werkstätten des Deutschen Hygiene­-Museums unter der Leitung von Michal Tomaszewski

Video­ und Audiobearbeitung: Theo Thiesmeier

Miniaturräume: Axel Pinkow

Förderer